Was aber bedeutet Vergreisung nun genau? Heißt das, daß der Baum in der Krone kaum noch verastet und sehr licht wird?
Der Baum treibt nicht mehr richtig, die Internodien werden immer kürzer, das Blattwerk wird schütter. Die Regenerationsfähigkeit nimmt ab. Er wird eben alt, wie wir auch.
Und habe ich das jetzt richtig verstanden, daß man dies mit dem richtigen Schnitt verhindern kann?
Nein, natürlich nicht, nur hinausschieben. Wir können unsere Beweglichkeit auch durch Yoga länger aufrechterhalten, aber ein 100jähriger ist eben keine 15 mehr.
Ein Baum auf einer schwachwüchsigen Unterlage wird auch bei optimalem Schnitt mit 20 keine großen Mengen an schönen Früchten mehr liefern.
"Wenn man bei einem solchen Baum die unteren Äste wegschneidet, ..... geht der Baum in die Höhe, ansonsten ist der Schnitt genau dazu da, daß der Baum eben nicht in die Höhe, sondern in die Breite geht."
Heißt das, der Baum wächst höher, wenn ich die unteren Äste wegschneide? Wird er dann höher als 4m?
Wenn ein Kind auf die Welt kommt, dann wird es unter normalen Umständen, entsprechend seinen Genen, sagen wir mal 1,75. Durch Ernährung und Umweltbedingungen kann ich vielleicht auch 1,80 erreichen, durch Mangelernährung (Unterlage) auch deutlich weniger.
So ist es auch beim Baum, nur, wenn ich bei dem die Arme wegschneide, so bildet er eben weiter oben Neue aus. Bei einem Baum ist also nicht die Höhe genetisch so relativ exakt vorgegeben wie bei uns, sondern eher seine Masse. Wenn man regelmäßig die Seitentriebe wegschneidet, so geht seine Kraft ungehindert in die Höhe. Er wird also dann eine Palme. Ist in verschiedenen Versionen leider oft genug zu bewundern, zum Schaden von Baum und Besitzer (sofern letzterer nicht auf so etwas steht und Früchte sowieso lieber im Supermarkt kauft bzw. nur an der Gewinnung von möglichst astfreiem Holz interessiert ist).
Wenn ich die unteren Äste belasse und den Seitentrieb kürze, geht der Baum in die Breite und wird nicht so hoch?
Ganz so einfach ist es nun auch wieder nicht. Entscheidend ist natürlich auch, wie die Äste von einem Baum abgehen. Wenn diese auf der ganzen Breite waagrecht stehen (Spindelbaum), ziehen sie relativ wenig vom Wurzeldruck ab, es bleibt viel für die Mitte übrig. Wenn diese jedoch steil (aber bitte nicht direkt am Stamm steil, denn das sind Schlitzäste) nach oben gehen, ziehen sie viel, sprich sie gehen in die Höhe, und dafür bleibt für das Höhenwachstum des Stammes wenig übrig.
Und wenn ich gar nicht schneide, besteht die Gefahr der Vergreisung?
Wenn jemand kein Yoga betreibt, dann ist er mit 20 auch noch kein Greis, genausowenig wie ein ungeschnittener Baum auf schwachwüchsiger Unterlage mit 5 ein Greis ist.
Baumfex hat mir mal erlaubt einen genialen Ausspruch von ihm bei Gelegenheit zu zitieren, die scheint mir hier gekommen:
Zitat von: Baumfex am 22. Januar 2006, 21:18:35
Ziel des Obstbaumschnittes ist es eigentlich, qualitativ höherwertigere und gleichmäßigere Erträge mit größeren Früchten zu erhalten und den Baum gesund (bei größeren Bäumen auch statisch stabil und langlebig = sorgsamer vorausschauender Schnitt)zu erhalten.
Dem kann ich nichts mehr hinzufügen.
Grüße
kupumalam