Weil ich demnächst meine Kompost"anlage" umgestalten möchte, gönne ich mir eben mal wieder die Lektüre des Klassikers Gärtnern, Ackern - ohne Gift des Kompostdoyens Alwin Seifert. Dieses Buch kann ich unbedingt empfehlen, und zwar nicht nur wegen seiner Anleitung zum Kompostaufbau. Dafür kriegt man ja heute an jedem Eck ein Faltblatt - aber das Buch ist schon ein besonders faszinierendes Zeugnis eines Mannes, dessen ungebrochenes Verhältnis zu seiner eigenen Genialität ihn gleichsam im Sauseschritt durch seine Zeitläufte befördert hat.
Vom "Reichslandschaftsanwalt" zum Vorsitzenden des bayerischen NaBu - Seifert blieb sich selbst und seinen großen, widerspenstigen Ideen immer treu. Und er war ganz offensichtlich sein eigener größter Fan, wie das Buch wieder und wieder belegt. Raffiniert ist die Episode, wo er so nebenbei durchblicken lässt, dass ihn nur großes Glück davor bewahrt hat, während der Nazizeit unter die Räder zu kommen. Immerhin war er ja ein Anhänger der verpönten und verfolgten biodynamischen Methode, die er aber, geschickt mit ein paar völkischen Vokabeln verbrämt, ein paar wichtigen Nazigrößen schmackhaft machen konnte. Vor allem wahrscheinlich deswegen, weil er schon ein rechter Spezi einiger großer Nazis war...
Die Brüche in dieser völlig ungebrochenen Persönlichkeit machen das Buch zu einer überaus spannenden und vergnüglichen Lektüre. Dazu noch der Pathos, in dem er das Ende der Welt, abzuwenden durch fleißige Kompostgaben aufgesetzt nach Seiferts Methode, beschwört, ist etwas, das man sonst so nicht mehr liest (und das ist wohl eher gut so). Trotz allem - der Mann hatte vollkommen recht mit seinen Ansichten und würde sich sicher ungeheuer über die heutigen Siegeszüge des Ökolandbaus freuen - nur um den Fortschritt sich selbst ans Revers zu heften, mit großen, aber letztendlich immer charmanten und dem Volk vom Maul abgeschauten Worten.
Meine Lieblingsstelle ist die, wo ihm eine Bäuerin aus dem bayrischen Oberland, die er zum Kompostieren bekehrt hat, eine traditionalle Heiligenfigur aus Spitze überreicht, die ihn als St. Kompostulus darstellt. Man merkt ihm an, wie sehr er mit dieser Heiligsprechung einverstanden war.