Ich kann mich noch daran erinnern, wie in der Blumensteckkunst der Ikebanastil in Modes kam.
Damals arbeitete ich noch als Floristin und war jedesmal empört, wenn ein Kunde bei mir ein Ikebanagesteck bestellte. Jedesmal klärte ich ihn auf, daß meine Gestecke keine Ikebanagestecke sein können, da ich weder die Mentalität noch die Religion, noch Lebenseinstellung als Europäer habe.
Ich wusste nicht was Ikebana ist und habe mal gegoogelt. Bei
Wikipedia wurde ich fündig.
Gestutzt habe ich über diesen Satz:
"Im Gegensatz zur dekorativen Form des Blumensteckens in der westlichen Welt, schafft das Ikebana eine Harmonie von linearem Aufbau, Rhythmik und Farbe."
Also, ich kenne mich weder mit westlicher noch östlicher Floristik aus, aber ich als Laie kann schon Harmonie in Rythmik, Farbe und Aufbau auch in den Gestecken des Westens erkennen, nur eben auf andere Art und Weise.
Es ist mir klar, dass ich gerade Fingerklauberei und OT betreibe, jedoch stört mich die Einleitung dieses Satzes sehr: "Im Gegensatz zu (...)". Diese Einleitung lässt es erscheinen als ob die westliche Floristik keinerlei Harmonie in ihren Gestecken habe.
Ich habe sehr oft den Eindruck, dass wir aus dem westlichen Kulturkreis sehr oft alle anderen Kulturkreise in der Wertung über unseren stellen. Alles was anderwo her kommt ist doch so viel besser, so viel mehr "Kultur", so viel mehr feingefühlt.
Ist das Werten von Kulturen nicht eigentlich totaler Blödsinn?
Ikebanagestecke aus Händen einer deutschen Floristin sind sicherlich seltenst Hohe Ikebanaschule. Aber müssen sie es denn sein?
Ohne jetzt wirklich zu wissen wovon ich rede so vermute ich einfach mal, dass ein preislich vergleichbares Ikebana-Arrangement in Japan gekauft auch keine Hohe Ikebanaschule ist.
Übrigens, als ich in Südostasien war habe ich in manchen Guesthäusern morgens ein "european breakfast" angeboten bekommen, in manchen sogar ein "German Breakfast". Ein solches sehr teures Frühstück besteht dann aus labrigem Brot zweifelhafter Herkunft, einem Abklatsch von Marmelade und erstaunlicherweise sogar aus den eher englischen Baked Beans.
Ich glaube nicht, dass man sich dort Gedanken um die Authentizität des deutschen Frühstücks macht, oder sich fragt ob man die Kultur richtig wiedergibt. Es geht einfach nur darum, dass Touristen ein solches Frühstück bestellen und dass man es verkaufen kann. Absolut legitime Gedankengänge, obwohl sich ein deutscher Bäcker mit nur einem Hauch von Berufstolz sicherlich in Ekel von dem Brot abgewandt hätte.
Erstaunlicherweise hat sich niemand beklagt, dass das kein echtes Deutsches Frühstück war. Niemand hat erwartet, ein echtes solches vorgesetzt zu bekommen.
Wenn man hierzulande Sushi bestellt, dann kann man das mit dem German Breakfast in Asien vergleichen. Es ist ein Abklatsch, fast eine Karikatur des Originals.
So gesehen sind diese geächteten Trends ein sehr interessanter Beitrag zur Kultur. Als Karikatur werden gewisse Charakteristika übertrieben, zugespitzt und sind damit ein verlässlicher Spiegel für das, was bei OttoNormalVerbraucher als Eigenschaften eines Gedankengangs hängenbleibt.