Wie bei so vielem liegen auch hier Theorie und Praxis himmelweit auseinander. Und ohne ein Fünkchen Fingerspitzengefühl im entscheidendem Moment lässt sich auch eine hochtechnisierte Stecklingsvermehrungseinrichtung nicht erfolgreich durchführen.
Erstens: Der Steckling sollte zum entscheidend richtigen Zeitpunkt gemacht werden. Der Zeitpunkt variiert sowohl zwischen den Pflanzengattungen, wie auch den einzelnen Arten, ja er differiert auch noch bei einer Art, weil es evt. mehrere Möglichkeiten gibt. Von einigen Pflanzen wachsen butterweiche Frühjahrsstecklinge am besten, bei anderen halbharte Herbststecklinge. Letztere brauchen meist länger zur Bewurzelung.
Es ist völlig unerheblich, ob der Steckling mit dem Messer oder der Schere geschnitten, mit den Fingern gerissen oder nach der HDV direkt unterm Nodi geschnitten und die Blättchen eingekürzt werden. Das spätere Umfeld ist viel entscheidender, das Kleinklima! Und hier sind wieder Erfahrungen im Spiel. Manche Stecklinge mögens trocken, manche feucht, andere wollen mit Plastikfolie abgedeckt stehen, wieder andere nur mit Vlies, einige lassen sich unter Sprühnebel optimal vermehren.
Aber eines bleibt nicht aus. Die ständige Betreuung, das Stecklingsauge muss wachsam sein! Ein Zuviel an Feuchtigkeit kann der Tod sämtlicher Stecklinge sein.
Wenn du Gärtner pur bist und jeden Tag dein Auge darauf wirfst, hast du eine 99 %ige Anwachsquote. Wenn du aber auch noch anderen Dingen hinterher sein musst, kann alles in die Hose gehen.
Und dann spielt das globale Klima auch eine entscheidende Rolle. Haben wir ein trübes, verregnetes Frühjahr, wächst fast jeder Steckling. Wenn der April und Mai heiss wird, musst du doppelt und dreifach schauen!
Das Stecklingssubstrat kann aus purem Quarzsand, aus Perlite oder aus einer Mischung bestehen. Wichtig ist nur, dass es luftig und feuchtigkeitsspeichernd zugleich ist.
Was wir Schimmelbildung nennen, ist meist eine Form von Botrytis. Früher gab es wirksame Mittel, die Stecklinge wurden mit einer Emulsion daraus angegossen und Botrytis war ein Fremdwort. Heute ist nichts gescheites an Mitteln mehr zugelassen, geschweigedenn man bekommt noch etwas vergleichbar wirksames. Auch Trauermücken können bei stehender Luft zu einem Problem werden. Darum heißt es mehr denn je, die Faktoren Licht, Luft, Wärme und Wasser in Einklang zu bringen. Und dies gilt nicht nur im großen Rahmen, sondern auch für die Hobby-Yoghurtbechervermehrung.
Es gäbe noch viel über Vermehrung zu schreiben. Viel mehr als in einschlägigen Werken steht. Dort liest man oft lediglich "Vermehrung über Stecklinge im Frühjahr". Ja, so schlau ist man selber

Es gibt da keine Geheimnisse. Das Geheimnis des Anwachsens bzw. die Bewurzelungsrate muss demnach jeder selbst herausfinden. Und hier liegen zwischen Penstemon und Daphne Welten!
