... Bei allem Verständnis dafür, daß lebensbedrohliche Bäume gefällt werden müssen, die naive Frage eines Stadtmenschen: Wieso hat man früher in der Stadt viel mehr Bäume gepflanzt?
hast du zahlen/ nachweise für die behauptung, dass früher mehr bäume gepflanzt wurden? früher = nach dem II. weltkrieg? dann wäre es klar: kriegsschädenausgleich - in berlin wurde z.b. in den nachkriegswintern oft verheizt, was nicht zerbombt und/oder verbrannt war.
ansonsten rate ich mal dazu, historische bilder vom anfang des zwanzigsten jahrhunderts (oder davor) anzusehen und zu vergleichen: wieviel bäume welcher altersklasse sind da zu sehen? gab es damals so viele bäume älter als 50 jahre, so wie heute? ohne selbst dafür belege zu haben, unterstelle ich mal, dass es ein vergleichbares "früher" gar nicht gab/gibt. nimm einmal die barocke stadterweiterung berlins, die rasterförmig angelegte friedrichstadt: hier gab (und gibt) es keine/kaum straßenbäume und viele straßen waren da von ihrem straßenraumprofil auch gar nicht geeignet für eine bepflanzung mit bäumen! möglicherweise hat man früher anderswo mehr bäume gepflanzt, weil man es nicht besser wusste; weil nicht beachtet wurde, wieviel raum ein baum braucht, um trotz stadtklima und -standort weitgehend gesund zu bleiben. weil kleine murkelbäume gepflanzt wurden, die schön dekorativ herumstanden, die ersten jahre, bis sie dann alle wohnungen in den unteren etagen ganztägig verschatteten. vielleicht wurden bäume früher viel schneller auch mal wieder abgeräumt, um eine schöne neupflanzung durchzuführen?
Ich werde den Verdacht nicht los, daß es da auch um die sogenannte Sauberkeit geht, so wie in manchen Gärten - Bäume machen Dreck. ein anschauliches Beispiel ist das Museumsquartier in Wien, dessen riesiger Vorplatz ausschließlich aus im Sommer brennheißem Beton besteht. Was hätte man da Schatten spendende Bäume pflanzen können. Alle diesbezügliche Anregungen prallten an Argumenten ab wie z.B., daß die Sicht auf die Museen verstellt würde (Ringstraßenbauten
) etc.
aus meiner sicht geht es nicht um die sauberkeit, sondern um das stadtbild. und die stadt besteht nun einmal vorrangig aus gebäuden, und hervorragende gebäude sollen gesehen werden, sind wichtig für die identität einer stadt und der stadtbewohner. wer unbedingt überall schatten unter bäumen will, kann doch in den wald ziehen?!
sorry, das war vielleicht etwas unsachlich formuliert - ich meine es aber durchaus ernst: stadt ist die einheit von bebauung und freiraum, idealerweise in einem räumlichen gefüge, das abwechslungsreich von offenheit und dichte geprägt wird. wenn alles voller bäume steht, ist das keine stadt, sondern ein wald.
Jetzt muß ich doch noch einmal darauf zurückkommen, in der Zwischenzeit wurde ja schon viel Einleuchtendes zum Thema gesagt. Wahrscheinlich stimmt es in gewisser Weise, daß Stadtmenschen ein irrationales Verhältnis zu Bäumen haben, und so war meine Frage auch wenig differenziert.
Anfang des 20. Jahrhunderts gab es jedenfalls die Bäume auf der
Ringstraße, die 1865 eröffnet worden war. Der Link beschreibt anschaulich die Irrtümer und Mißerfolge bei der Pflanzung der Bäume bzw. nachfolgende Verbesserungsmaßnahmen bis in die Gegenwart.
Mit dem Beginn der Stadterweiterung 1858 war der Befestigungsring um den alten Stadtkern geschliffen worden, außerhalb davon lagen die sogenannten Vorstädte, die später zu den Inneren Bezirken werden sollten. Die Häuser dort waren durchwegs niedrig und z.T. ländlich, das Glacis stellte eine riesige Grünfläche dar. Gegen Ende des 19. Jahrhunderts entstanden auf diesem Gebiet die Gründerzeitbauten, die noch heute weitgehend das Stadtbild bestimmen, da gab und gibt es noch da und dort eine Allee, eine Baumgruppe vor einer Kirche oder in einem Hinterhof.
Du hast wahrscheinlich Recht mit deiner Behauptung, daß es ein vergleichbares "Früher" gar nicht gibt, sieht man einmal von den von Fars erwähnten Prachtstraßen ab. Aber Wien hat viele vorbildlich gestaltete und gepflegte, z.T. historische Parks und einen einzigartigen Grüngürtel, man muß also nicht "in die Wälder ziehen", um die irrationale Beziehung zu Bäumen zu pflegen

. Und bei meinem konkreten Beispiel geht es auch nicht darum, "überall Schatten unter Bäumen" zu haben, sondern um Kritik an einem international beachteten Großprojekt, das "Naherholung" und "Grünoasen mitten in der Stadt" verheißt und zu Recht stolz auf sein ZOOM-Kindermuseum ist.
Die Grünoasen bestehen nämlich in Wirklichkeit aus irgendwelchen Exoten in Riesentöpfen, die unmotiviert in der Gegend herumstehen, zur Naherholung laden die sogenannten Enzis ein, die in der prallen Sonne stehen und jedes Jahr in einer anderen Farbe gestrichen werden (siehe Link: MQ-Möbel 2009). Für 2009 stehen zitroneneisgelb und maiwiesengrün zur Auswahl

, wohl zur zumindest optischen Kühlung. Da wäre ein Riesenpool entlang der sogenannten Zweier Linie innovativer und effizienter gewesen

Auf diesem Areal, das eine ganze U-Bahnstation lang ist, hätten ein paar klug plazierte Baumgruppen keineswegs den Blick auf die vis á vis zwischen den beiden Museen thronende Maria Theresia verstellt. Und angesichts mancher neuerer Parks, in denen Mütter mit Babies vergeblich Schatten suchen, bleibe ich bei meinem Verdacht: Bäume sind pfui, weil sie Dreck machen.