Nun also doch noch:
Mit den am Blattstiel länger behaarten Soldanellen des Karpatenraumes ist es eine vertrackte Sache.
Lange Zeit, bis in die 1970er Jahre wurde aus dem nördlichen und östlichen Karpatenbogen immer wieder
Soldanella montana gemeldet.
F. K. Meyer (1985) aus Jena war der erste, der diese Pflanzen als eigene Sippe von den mitteleuropäischen
S. montana abtrennte und sie als
Soldanella pseudomontana beschreiben wollte. Er wählte
als Holotypus (die entscheidende Referenz) aber ausgerechnet eine Pflanze aus den südöstlichen Karpaten (bei Brasov), von wo es bis dahin nie Angaben für länger behaarte Pflanzen gegeben hatte. Deshalb verwarf A. Kress (München) das Taxon, wenngleich er den Typus-Beleg nicht gesehen hatte und nur schreiben konnte: "Meyers description of
S. pseudomontana belongs surely to this taxon. But i´m uncertain about his typus". Später ordneten Zhang & Kadereit (2002) diesen Beleg des Holotypus der
Soldanella hungarica (s. str.) zu, der einzigen von ihnen im Gebiet der südöstlichen Karpaten angegebenen
Soldanella-Sippe neben
S. pusilla. Ich gehe davon aus, dass Zhang das Typusexemplar von
Soldanella pseudomontana geprüft hatte, denn er schreibt dazu: "holotype: specimina 5 floribus et 1 fructu, JE!". Auch gibt er in seinen Arbeiten an, mehr als 6000 Herbarbelege aus der Gattung
Soldanella in seine morphologischen Vergleiche einbezogen zu haben. Ich glaube nicht, dass er sich ganz auf die Abweisung des Taxon durch Kress verlassen hätte.
Kress versuchte 1993 ebenfalls eine Beschreibung dieses Taxon, wegen der Ähnlichkeit zu
Soldanella montana auf Ebene der Unterart:
Soldanella montana subsp.
faceta. Als Typus wählte er Pflanzen aus den heute ukrainischen Nordkarpaten, die dort von Woloszczak 1896 gesammelt worden waren (Herbarium
Warschau korr.: Wien). Wiederum kommt es so, dass - nach der Nachbestimmung durch Zhang (Zhang & Kadereit 2002) - der entscheidende Holotypus zu einer schon zuvor beschriebenen Art, der eigentlich vergleichsweise kürzer behaarten
Soldanella marmarossiensis gehören soll. Nur die zweite, von Kress als Isotypus (begleitender Typus) gewählte Pflanze gehört nach Zhangs Bestimmung zum länger behaarten Taxon, das Zhang nunmehr anhand einer Pflanze aus den rumänischen Ostkarpaten als
Soldanella angusta noch einmal neu beschrieb. In diese bezog Zhang auch von Meyer und von Kress als
S. pseudomontana bzw.
S. montana subsp.
faceta bestimmte Pflanzen ein, soweit er darin das länger behaarte Taxon erkannt hatte. Alle meinten und beschrieben offensichtlich das gleiche Taxon und mehrfach soll dieses Taxon mit den gewählten Typus-Exemplaren nicht getroffen worden sein.
Warum Meyer ausgerechnet bei der Wahl der wichtigen Typus-Exemplare ein Fehler unterlaufen sein soll, wo er selbst ja die Unterschiede zwischen
S. hungarica s. str. und dem länger behaarten Karpaten-Taxon herausstellte und darstellte, ist mir nicht klar. Seine Zeichnungen zu diesen beiden Taxa entsprechen recht gut den Verhältnissen, die auch Zhang & Kadereit (2001) für
S. hungarica s. str. und ihre länger behaarte
S. angusta angeben - bis zu 5 gedrungene Zellen in relativ kurzen Blattstielhaaren für
S. hungarica s. str. und bis zu 6 langgestreckte Zellen in relativ langen Blattstielhaaren bei
S. pseudomontana.
Warum A. Kress ein solcher Fehler unterlaufen sein soll, ist mir ebenfalls nicht klar. Seine Arbeiten vermitteln eine besondere Gründlichkeit und Sorgfalt. Er hatte stets versucht, seine Arbeiten mit statistisch verwertbaren Messreihen abzusichern und achtete ganz besonders auf Festigkeit und (wissenschaftliche) Dauerhaftigkeit in der Wahl der Typusexemplare.
Inzwischen hatten die slowakischen und später auch die polnischen Botaniker den Namen
Soldanella pseudomontana aufgegriffen und unter anderem für Pflanzen mit langhaarigen Blattstielen in den Pieniny (Gebirge in östlichen, slowakisch-polnischen Grenzgebiet) verwendet und verwenden ihn auch gegenwärtig, z. B. zur
Bezeichnung der länger behaarten Soldanelle als Karpaten-Endemit oder, in einer sehr attraktiven Broschüre, hier:
Ökologisches Netzwerk Karpaten.
Ich kann es nicht beurteilen. In jedem Fall ist der Name
Soldanella pseudomontana auf den Holotypus aus dem Gebiet Brasov festgelegt und kann nicht für Populationen verwendet werden, die in wichtigen Merkmalen davon abweichen. Wenn diese Pflanze (der Holotypus) tatsächlich mit den Pflanzen der
S.-hungarica-Populationen der Südkarpaten übereinstimmt, kann es keine gültig mit
Soldanella pseudomontana bezeichneten Populationen geben. Wer Klarheit über die Identität von
Soldanella angusta und
S. pseudomontana bzw.
S. hungarica s. str. erlangen möchte, wird diesen Beleg in Jena noch einmal prüfen und mit ausreichend vielen Belegen der beiden anderen Sippen vergleichen müssen. Viele Probleme liegen in der schwachen Differenzierung des wichtigsten Trennungsmerkmals, den Blattstielhaaren und in deren Vergänglichkeit an lebenden und herbarisierten
Soldanella-Pflanzen begründet.
edit: In welchem Verhältnis alle diese Taxa zu der im polnischen Randgebiet der Hohen Tatra von Josef Niederle beschriebenen
Soldanella montana subsp.
gubalowkae stehen, kann ich ebenfalls nicht beurteilen. Josef, Du hast sicher die reichhaltigste Anschauung der ganzen Gattung in den Westkarpaten. Meine eigenen, direkten Erfahrungen sind sehr bescheiden. Ich muss für meine eigene Klärung überwiegend auf die vorhandene Literatur bauen. F. K. Meyer bezog seine Beschreibung der
Soldanella pseudomontana ausdrücklich auch auf die von S. Pawlowska (1963) in Zeichnungen als
Soldanella montana dargestellten Pflanzen(teile) aus dem südlichen Polen, so wie Du auch Deine Beschreibung von
Soldanella montana subsp.
gubalowkae.
Eine kleine Gattung von kleinen Pflanzen im engen, gut durchforschten Europa - und doch beschenkt sie uns mit allen Scherereien, die Taxonomie und Nomenklatur zu bieten haben.
