Ich weiss nicht, ob meine Erinnerungen da repräsentativ sind. Der Garten meiner Eltern war ordentlich ausgerichtet: Schnurgerade Beete, ebensolche Wege, gerade Hof-/Terrassenflächen. Alles schön rechtwinklig, gerade, und "ordentlich"; Rasenkantensteine, Beetkantensteine, Rechteckbeete, Mäuerchen, gemauerte Torpfeiler. Jägerzaun oder Hecke, mit Schnurmaß ausgerichtet. Im Rasen viereckige Beete mit Floribundas oder Dahlien. Sicher gab es noch andere Blumen, an die ich mich aber nicht mehr erinnere, die Floribundas blieben mir in Erinnerung, weil ich nicht, obwohl sie so niedrig/mickerig waren, drüberhüpfen durfte. Obstbäume in Reihen. Kein Baum ohne Nutzwert. Spalierobst an allen zugänglichen Wänden. Eine Vorgartenpergola mit 6x6-Balken und rechteckigen Reitern kam, glaube ich, erst Anfang der 70er hinzu. Ein großer Nutzgarten, alles ordentlich in Reihen. Große Teppichstange, Wäscheleinen, soweit Platz war. Meine Plastikmickymaus als Vogelscheuche in den Erdbeeren (grosser "Spass" meines Opas zu meinem Leidwesen). An Farben erinnere ich mich nicht, das dürften aber die Modefarben jener Zeit gewesen sein - in jeder neuen Saison lagen die Kataloge der hipsten Versender bei uns herum, und die knalligsten Farben waren besonders spannend.
Der Garten war nicht unbeseelt. Der Stil ist immer der Zeitgeschichte unterworfen. Meine Eltern und Großeltern haben ihn geliebt, gehegt und gepflegt, Unkraut war Zeichen von Vernachlässigung. Wildkräuter wurden nicht anerkannt, egal was Gärtner Pötschke dazu sagte ("das" Nachschlagewerk jener Zeit - vielleicht wars auch ihr einziges erschwingliches Gartenbuch). Ihr Garten jener Zeit war vorrangig Nutzgarten im Sinne von Versorgung mit Nahrung, Platz (z.B. für die Wäsche); für's Auge wurde der Vorgarten zweitrangig angehübscht mit Blühendem. Schließlich war der Vorgarten das Tor zum Wohnzimmer.
Mein ererbter "Gärtner Pötschke" (1964) schlägt Lattenzäune zur Einfriedung vor (durchaus schon nach dem Jägerzaunprinzip, aber noch selbstgebaut). Die ersten 144 Seiten sind mit Grundlagen zur Bodenbearbeitung, Nutzpflanzen und -anbau incl. Rezepten gefüllt. Dann folgen 30 Seiten über Zimmer- und Balkonpflanzen. Danach: "Die Rose im Ziergarten". Das, glaube ich, spiegelt sehr genau jene Zeit wider: wer konnte es sich leisten, einen Garten nur der Schönheit wegen zu halten? Kaum einer, würde ich vermuten, und wenn, dann "die Königin der Blumen". Nach 2 Seiten Rosen gehts über in die Obstabteilung, 20 Seiten. Dann, immerhin, 60 Seiten Verzeichnis von Sommerblumen. Zum Schluß 30 Seiten über das Gartenjahr und anstehende Arbeiten. Eine Gesamtgartenplanung oder -gestaltung ist überhaupt nicht erwähnt, soweit ich jetzt sehen konnte, wenn man die Gestaltung von Nutzflächen ausnimmt.
Viel Spass an dem Thema wünsch ich. Bei Bedarf such ich mal nach alten Fotos.
LG Barbara