Nun fand man im Reitinstitut, wo das Lästern kaum weniger ernsthaft betrieben wurde als das Reiten, ja keinesfalls, daß ich mir nach nur drei Jahren Reitunterricht ein Pferd hätte kaufen dürfen. Noch lange nicht! Und eigentlich wollte ich das auch gar nicht - die Kosten! Die Arbeit, die Zeit! Die Verantwortung!
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Aber: Ich war krank. Neun Reitstunden in der Woche hatten zwar meinen Kontostand auf unter Null, doch zum Schluß keinerlei Fortschritte mehr gebracht. Endlich hatte ich mich untersuchen lassen. Man war sich nicht sicher, aber es fiel das Wort „Lähmung“, auch „Rollstuhl“, und man riet mir vor allem, mich zu schonen (wie wir wissen, ist alles nicht so schlimm gekommen, wie damals prophezeit, aber 1989 war das der Stand).
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Von wegen. Jetzt gerade! Sollte ich mich für den Rest meines Lebens aufs Sofa setzen? Ein Pferd mußte her. Und zwar jetzt! Denn wenn ich eines wußte, dann dies: Ich wollte reiten, bis man mich aufs Pferd heben mußte. „Und dann kannst du immer noch fahren“, tröstete Birte am Telefon, meine erste Reitlehrerin, die zu meinem Kummer vor einem Jahr wieder in den Norden gezogen war.
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Das Glück half – es sollte in dieser Pferdeangelegenheit noch öfter helfen: Es gab ein kleines Erbe. Es würde gerade reichen für ein Pferdchen, mit dem ich noch ein, mit Glück zwei Jahre lang durchs Gelände zockeln konnte.
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Mein Pferd mußte quasi maßgeschneidert sein; Sentiment hatte bei diesen Überlegungen nichts verloren. Bücher und die in der dreijährigen Reiterlaufbahn gesammelten Fachzeitschriften wurden zu Rate gezogen.
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Wie das Tier aussah, war mir piepegal, wenn mir auch ein gewisser hübscher Schecke vor Augen stand (was die Tarahausener natürlich für verrückt hielten. Schecken waren für den Zirkus). Die Pferde so um 1,70 Meter Stockmaß, die ich immer besonders gern gehabt hatte, waren definitiv out. Meins hatte klein zu sein. Schmal in der Schulter mußte es sein wegen der schmerzenden Beine. Sanft von Gemüt, dabei nicht triebig, und vor allem intelligent, denn mein Pferd sollte dazulernen können, wenn die Krankheit schlimmer wurde.
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Verschiedene Rassen wurden auf diese Forderungen hin abgeklopft: Ein Araber würde es sein müssen, besser noch ein Berber. Ich rief wieder meine persönliche Telefonseelsorge in Neumünster an: „Steht doch ein Berber in der Feldscheune“, erklärte Birte, „Frau Winterling, frag die doch mal.“ Frau Winterlings tunesischer Hengst war ein exotischer Tupfer im Reitinstitut. Völlig klar, daß die Dame im stockkonservativen Tarahausen damit als exzentrisch und fast leicht anrüchig galt. Ich fand sie einfach nur hilfsbereit und nett.
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„Aber ja!“ erklärte Frau Winterling, als ich mein Problem kurz geschildert hatte. „Berber eignen sich hervorragend als Therapiepferde. Sokran hat ein Gemüt wie ein Ochse!“ Gemüt wie ein Ochse, genau das brauchte ich. An den Spruch sollten wir später oft zurückdenken.

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Ein Berber also. Doch wo in diesem Land einen Berber finden? Die wurden ja nicht eben an jeder Straßenecke feilgeboten. Ich hatte wieder Glück: Bei der Equitana würden diesmal Berber im Mittelpunkt stehen, um die Rasse bekanntzumachen. Also auf nach Essen!
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Die Equitana war leider ein Reinfall: Ja, da wurden Berber gezeigt, und die meisten fand ich wunderschön. Einige standen auch zum Verkauf, aber leider nicht in meiner Preisklasse. Probehalber nannte ich einer Züchterin meine finanzielle Obergrenze, mit leicht gepreßter Stimme, denn ich konnte kaum fassen, dass ich hier wirklich über den Kauf eines Pferdes verhandelte.
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Die Frau war entzückt, einen Trottel wie mich gefunden zu haben, und überschritt großzügig meine Obergrenze gleich um einige Tausender. Sie hatte genau das Richtige für mich! 13.700 Mark (mich faszinierten diese 700) sollte ein Tier kosten, das Trab nicht von Tölt unterscheiden konnte, schneckenlangsam und ein bißchen doof war; ich hatte zwar wenig Ahnung von der Roßtäuscherei, aber danke, nein danke. Gar so grün war ich denn doch nicht!
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Der Himmel half wieder – keine zehn Minuten später lernte ich ganz durch Zufall den Präsidenten des französischen Berberverbandes kennen. Ein Unsympath, dieser Monsieur J.! Aber das lag wohl vor allem an seinem Nadelstreifenanzug und daran, daß er in meinen Jeans einen ernsthaften Hinweis auf Zahlungsunfähigkeit zu sehen schien. Immerhin gab er mir Züchteradressen. Berber gab es wohl öfter in Frankreich.