Lämmchen stammte aus Berlin. Von seinem Zuhause erfuhren wir nie etwas. Allzu schön wird’s nicht gewesen sein, denn Lämmchen büxte früh zum Zirkus aus. Von dort war er auf allerhand Umwegen zu van Krachten gekommen. Und wir wurden das Zuhause, das er offensichtlich vorher nie gehabt hatte.
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Die drei Stallungen auf dem Hofgut – dazu kamen der große Schulstall bei den Hallen die Straße runter und weiter weg Tignous‘ neues Zuhause, die Feldscheune – waren hierarchisch gestaffelt, sowohl was die Kundschaft, als auch, was die Pfleger betraf. Viktor hatte den wichtigen Einserstall unter sich.
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Da standen Leute – also ja, da standen Pferde, aber man unterschied das nicht so genau -, die ihr Pferd in Vollpflege hatten. Das heißt, sie schrieben auf eine Tafel „11 Uhr“, und das bedeutete, daß ihr Pferd um 11 Uhr geputzt und gesattelt in der Reithalle bereitstand; die Herrschaften fuhren auf dem Parkplatz vor, stiefelten in die Halle, ritten, übergaben das Pferd an den Pfleger und verschwanden wieder.
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Alles andere erledigte Lammert – den Schmied bestellen und aufhalten, den Tierarzt benachrichtigen und so weiter. Er las nie mehr als die Bildzeitung, aber er war verdammt helle, und von schnellem Witz. Auch hübsch auf eine südländische Art, trotz Zahnlücke. Lämmchen war ein halber Tierarzt. Oder auch ein dreiviertel. Er hatte ein umfassendes Pferdewissen und vor allem einen Draht zu jeglicher Kreatur, den ich so nie wieder gesehen habe. Tiere vertrauten ihm instinktiv.
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Lammert trank ein wenig zu viel, selbst an den örtlichen Verhältnissen gemessen. Manchmal auch viel zu viel. Es konnte schon mal vorkommen, daß er mittags im Reiterstübchen das zweite Pils leerte und auf einmal „Oha!“ sagte und schnell verschwand, weil ihm einfiel, daß etwas fehlte – daß er nämlich morgens etwa die Heunetze vergessen hatte. Oder daß er einen Hund (alle Hundebesitzer gaben ihre Viecher in seine Obhut, wenn sie etwa in Urlaub fahren wollten) leicht schwankend erst um Mitternacht Gassi führte, weil er im Casino hängengeblieben war.
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Daß er es aber tun würde, darauf konnte man sich verlassen. Und man konnte sich auch hundertprozentig darauf verlassen, daß er aus alkoholisiertem Schlaf schoß, wenn eines „seiner“ Pferde nachts auch nur ein Hüsterchen tat.
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Er trank, er hatte eine Berliner Kodderschnauze, und Respekt vor reichen Leuten war absolut nicht seins. Und die reichen Leute zahlten Bestechungsgelder, um ihre Pferde im Einserstall unterzubringen.
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Lämmchen verstand vom Reiten mehr als die meisten langjährigen Dressurreiter, obwohl er selbst nie auf einem Pferd gesessen war, und unterzog die Reiter, die er mochte – aber nur die! – nach der Reitstunde im Reiterstübchen einer vernichtenden Manöverkritik. Mich mochte er sehr…

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Ich trabte also zum Einserstall. Lämmchen hatte eben Kunerts Zeppelin auf der Stallgasse angebunden, vorschriftsmäßig mit zwei Stricken, wie es sich gehörte, bei so etwas war er nie nachlässig.
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„Viktor?“ Lammert antwortete nicht. Ich drückte mich um den riesigen Zeppelin herum: „Viktor?“ Lammert brummte.
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“Ach, da bist du ja. Viktor. Ich habe ja nun den Tignous…“ Lammert schnaubte und murmelte unverständliches.
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„Und da wollte ich Dich bitten…“ Lammert drehte sich weg. Ich verstand nicht, was da los war, wir kamen ja sonst blendend miteinander aus, und gerade vorhin hatte er mir aus der Patsche geholfen.
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„Viktor? Also, ich wollte dich bitten, mir mit Ti zu helfen, also wenn er was hat oder wenn ich Fragen habe oder so.“
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Lammert sah böse aus. Ich war ganz verdutzt. „Lämmchen? Bitte?“
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Viktor sah mich richtig beleidigt an: „Wie lange haste den Zossen jetzt schon? Vier Monate mindestens, ne? Und da kommste jetz erst jeloofen?!“
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Ich war unsäglich erleichtert, und ich entschuldigte mich wortreich, erklärte, daß das doch eigentlich klar gewesen sei, wer denn wohl außer ihm, der Jochen aus dem Dreierstall etwa?!, und dankte ihm überschwenglich und von Herzen.
Aber nach der Mauschelei mit dem Koppelgang wollte ich jetzt lieber nicht auch noch fragen.
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„Also dann bis nachher im Casino, Lämmchen!“
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Ich wandte mich zum Gehen. Lämmchen pfiff mich zurück: „Det Ferd stand doch noch nie in ‘ner Box. Is dir eijentlich klar, det der janztachs Koppeljang brauch?!“
