Nur Anne, die das Casino führte, gratulierte. Die anderen zeigten ihr Mißfallen deutlich. Gerhard fragte sogar, was ich bezahlt hatte. Solche Fragen waren sonst absolut tabu. Siebentausend, siebentausend Mark. Das war in Gerhards Augen lächerlich wenig für ein Pferd direkt vom Züchter, wenn es denn etwas taugen sollte, ein Pferd, das sich noch nicht in irgendeinem Reitstall einen Schaden geholt hatte. Was mußte das für eine Krücke sein... Die ihm einleuchtende Erklärung bastelte er sich selbst zurecht: ein Pferd, das nicht angaloppieren konnte. Na ja, dann. Ich mußte ja wohl porös sein. Kann eh schon nicht richtig reiten und kauft sich noch ein Pferd, das auch nichts kann.
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Und was mußte ich mir mein Pferd in Frankreich kaufen? So was machte man einfach nicht. Das war exzentrisch und sah mir wieder mal ähnlich. Was war das? Ein Berber? Niemand wußte so richtig etwas damit anzufangen. Es gab doch wohl auch kleine Trakis und ihretwegen sogar Zweibrücker, und es gab auch Haflinger (das hätte man vielleicht gerade noch stirnrunzelnd akzeptiert) oder im Notfall sogar Deutsche Reitponys...
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Ein Berber! Araber fanden sie schon meschugge. Die galten aus einem Grund, den man wohl schon vor einigen Generationen vergessen hatte, denn er wurde nie genannt, als absolut gefährlich für Leute mit durchschnittlichen Reit- und Pferdehalterkenntnissen. Und mein Pferd war dreiviertel Araber und ein Viertel Berber – jetzt war die Tara ganz durchgeknallt, man war sich einig wie selten. Ach ja, diese Winterling in der Feldscheune, war der Schimmel nicht ein Berber? Na ja, dann war ja alles klar. Das Urteil über Frau Winterling stand fest, das über mich nun auch.
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Das trübte meine Freude etwas, aber nur etwas. Ich hatte ein Pferd. Ein Pferd, auf dem ich sogar ohne Sattel gesessen hatte. Ein Pferd, ein Pferd... Ich dachte an nichts anderes mehr.
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„Leute, wenn wir ganz schnell arbeiten, kann ich heute noch nach Frankreich fahren.“ Jeden Mittwoch bettelte ich, die ich mein Geld als Redakteurin einiger Wochenblätter verdiente, morgens in der Technik die Monteure an. Wenn wir heute nicht rechtzeitig fertig würden, konnte ich den Frankreich-Besuch in dieser Woche heften. Donnerstag wäre zu spät.
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Alle spielten mit. Auch die Redakteurskollegen, denen ich von der Technik zeitlich vorgezogen wurde und die nun um Stunden später nach Hause kommen würden. Um zwei machte sich Otto, das schmuddeligste, zerbeulteste Auto im Landkreis (zum Autoputzen hatte ich keine Zeit, seitdem ich ritt), nach Frankreich auf.
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Zwölf Stunden später begrüßte mich der Hofhund im Reitzentrum, in dem schon seit Stunden sonst niemand mehr wach war. Ich war die einzige, die sich nähern durfte, ohne Titounes mörderisches Gebell auszulösen. Ich war sozusagen Familienmitglied und richtig stolz darauf. Dann sah ich durch die offene Hüttentür in den Sternenhimmel und ließ mich von den Zikaden in den Schlaf zirpen. Diese Sterne! Man meinte, man müsse nur den Arm ausstrecken und könne sie vom Himmel pflücken wie Mirabellen.
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Auf der Koppel stampften und schnaubten die Pferde. Zikaden und Pferde, das waren die einzigen Geräusche. Corinne, wenn sie auch meine Begeisterung schwer nachvollziehen konnte – sie wohnte ja auch nicht wie ich an einer Durchgangsstraße, sondern zwanzig Minuten entfernt von jedem Nachbarn allein im Busch –, stellte nachts heimlich einen Kassettenrecorder auf und schenkte mir das Band zum Geburtstag. Pferde und Zikaden, welch eine Nachtmusik!
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Bei der Herde da unten war auch mein Pferd. Mein eigenes Pferd. Meins.