Ich bin immer wieder erstaunt, wie sehr ihr beide euch über die Meristemvermehrung erregen könnt, dabei spielt ihr beiden doch in einer völlig anderen Liga, in der diese für den saisonalbedingten Massenmarkt ausgelesenen Sorten, eigentlich überhaupt keine Rolle spielen sollten.
Toto, deine wunderbaren Nachzuchten sind für Kenner, Liebhaber und wirklich an Helleboren interessierte Menschen bestimmt, und mit Sicherheit um einiges mehr wert, als eine in der Adventszeit erworbene Pflanze aus der Golcollection... die die heimische Haustür zusammen mit einem Nikolaus schmücken soll.
Was grundsätzlich die Meristemvermehrung betrifft, ist es lediglich eine Methode der vegetativen Vermehrung und keine Frankensteinmethode, nur weil es im Labor stattfindet. Für den Erwerbsgartenbau und auch für den Erhalt von alten Kulturpflanzen eine unverzichtbare Methode.
Im Rahmen der Meristemvermehrung ist es möglich Viren, von denen viele alte Nutz- und Zierpflanzen befallen sind, zu beseitigen und wieder gesundes Ausgangsmaterial zu bekommen.
Bei den Helleboren geht es hauptsächlich um eine Optimierung der Produktion. Der Verbraucher möchte in der Advents und Weihnachtszeit gerne blühende, weiße Christrosen, um dies zu erreichen, müssen die Pflanzen möglichst uniform aussehen und zur exakt gewünschten Zeit blühen. Das lässt sich kostengünstig nur bedingt mit Kulturmethoden erreichen und Samennachzuchten streuen zu sehr... daher sind heute Sorten also Klone verbreitet, die gestaffelt angeboten werden können, um vom späten Oktober, bis Anfang Januar blühende "weiße Christrosen" anbieten zu können. Für den Verbraucher, der das Besondere mag, kommen dann noch ein paar farbige dazu.
Diese meristemvermehrten Pflanzen sind übrigens nicht generell kurzlebig, die Empfindlichkeit liegt eher an dem Substrat (sehr torfhaltig) und an der Zeit in der sie angeboten werden, im Gewächshaus herangezogene Pflanzen sind halt empfindlicher und vertragen Kälte, nasse Füße und wechselndes Winterwetter nur schlecht. Nach den Frostphasen gepflanzte und geschützt überwinterte Pflanzen, bei denen man den Wurzelballen gut lockert und das torfhaltige Substrat möglichst ausschüttelt, etablieren sich eigentlich sehr gut.
Was die Lebensdauer angeht, gibt es bei den Intersektionellen allerdings anscheinend Unterschiede, die aber lt. Literatur schon bei der ursprünglichen Kreuzung aufgefallen sind. So soll H. x ericsmithii und H. x ballardii eher kurzlebig sein... allerdings würde ich bei den beiden auch Kulturfehler nicht ausschließen, sie sind etwas speziell bei den Standortansprüchen und besser in einem geschützten Steingarten aufgehoben und mögen keine Plätze unter Sträucher mit Tropfwasser, sie scheinen etwas Nässeempfindlich zu sein.
Ob alle angebotenen Sorten es wert sind im Garten kultiviert zu werden, ist wieder eine andere Frage. Die meisten sind bestimmt lediglich für das saisonale Topfsortiment ausgelesen worden, so zum Beispiel die meisten H. niger Sorten.
Eine sehr empfehlenswert und schöne und im Garten zuverlässige Sorte, wäre da 'Joseph Lemper' zu nennen. Der auch mit neutralen Boden in Norddeutschland bestens zurecht kommt und dessen Nachkommen ähnlich robust sind.
Bei den intersektionellen Hybriden sollte man es sehr differenziert betrachten, da die Verwendungsmöglichkeiten ebenfalls sehr unterschiedlich sind und es erst die Meristehmvermehrung erst möglichst mach, das auch ein breiteres Publikum diese oft sehr schönen und prächtigen Pflanzen zu bekommen und zu kultivieren.
Als Beispiel kann ich Helleborus x Belcheri 'Pink Ice' nennen, die durch klassische Teilung vermehrt wird und noch nicht durch Meristemvermehrung erhältlich ist... sie wird selten angeboten, meist gegen Vorbestellung mit Wartezeit und recht hochpreisig, dieses Jahr glaube ich für 70£... meiner Meinung nach eine sehr schöne Sorte, aber nur wenige sind bereit solche Preise zu zahlen.
Eine Chanze geben sollte man auch unbedingt den Helleborus x glandorfii, Helleborus x lemonnier und den Sorten der "Rodney Davey Marbled Group", die gartentauglicher sind, als die aufgeputschten Topfpflanzen vermuten lassen. Seitlich schauende, farbige Blüten, eine lange Blütezeit, winterhärter und kein Samenansatz, sind durchaus Vorteile in der Verwendung dieser Pflanzen.
Selbst von Helleborus x sahinii 'Winterbells' sah ich neulich eine Pflanze bei einer Freundin im Garten, die wirklich prächtig war, tolle Laub und hübsche Blüten. Die fand ich als Topfpflanze bisher immer besonders scheußlich...
