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Autor Thema: Kehrseite des gebietsheimischen Saatgutes  (Gelesen 12409 mal)

Suse

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Kehrseite des gebietsheimischen Saatgutes
« am: 03. Mai 2022, 09:04:53 »

Im Naturschutzbereich darf nur noch gebietsheimisches Saatgut verwendet werden. Die Kehrseite davon ist, daß die einschlägigen Saatgutproduzenten nur häufigere Arten in ihren Mischungen anbieten. Das heißt, daß seltenere Pflanzenarten nicht mehr ausgebracht werden und damit die auf sie spezialisierten Insekten nicht gefördert werden.
Nachvollziehbar ist diese Studie der Uni Geisenheim:
https://idw-online.de/de/news791330
« Letzte Änderung: 03. Mai 2022, 09:35:39 von Suse »
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thuja thujon

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Re: Kehrseite des gebietsheimischen Saatgutes
« Antwort #1 am: 03. Mai 2022, 09:16:00 »

Hätte man wissen können, wenn man mal drüber nachgedacht hätte.
Naja, das museale konservieren wird noch an vielen Stellen mehr scheitern.

Danke fürs verlinken.
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pearl

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Re: Kehrseite des gebietsheimischen Saatgutes
« Antwort #2 am: 03. Mai 2022, 13:15:57 »

obwohl autochthones Saatgut sehr weit gefasst ist. Nämlich umfasst es die Bundesländer. Was ein Witz ist.
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Außerdem bewegen sich die Klimazonengrenzen im Augenblick wieder nach Norden. Mediterrane Arten tun das auch und die Arten aus östlichen Steppen bewegen sich zunehmend nach Westen.
.
Biologisch und genetisch betrachtet ist es ja so, dass Arten anpassungsfähig sind. In einer Population sind immer frühe, mittelfrühe und späte Individuen anzutreffen, die sich in ihrer Entwicklung in verschiedenen Stadien befinden. Einige Individuen können so heftigen Wettereinbrüchen in ihrer Saison ausweichen. .
.
Arten sind genetisch elastisch, Ökotypen nicht starr auf Standorte geprägt.
.
Aus biologisch/genetischer Sicht gibt es nicht so viele gute Gründe für autochthones Saatgut oder gegen Ansiedeln von fremden Arten wie unser verwalteter und bürokratischer Naturschutz seit Jahren anordnet.
.
Es gibt andere Probleme, die wesentlich dringender sind um unsere immer mehr schrumpfenden natürlichen Lebensräume zu schützen. Dafür müssten drastischere Maßnahmen umgesetzt werden und da ist der verwaltete Naturschutz eben unglaublich langsam! Wenn er überhaupt was tut. Die Verordnungen für Ausgleichsmaßnahmen haben oft lächerliche Konsequenzen.

Die Landwirtschaft und die Waldwirtschaft sind zu wenig verzahnt mit einem effektiven Naturschutz, weil es an finanzieller Förderung fehlt und Landwirte, die Weidevieh halten, mit bekloppten Vorgaben ihre Wiesen "aufwerten" sollen. Ohne die Kenntnisse und genaue Planung können sie das aber nicht umsetzten, sie sind weder Botaniker noch Gärtner um nur ein Beispiel zu nennen.
.
Also werden Wiesen völlig unsachgemäß beweidet und gepflegt. Hier gibt es Biogärtner, die ihre Tiere auf allen Weideflächen gleichzeitig stehen haben, mit der Konsequenz, dass garantiert keine Wiesenpflanze zur Samenreife hochkommt, die für irgendein Insekt von Nutzen wäre.
« Letzte Änderung: 03. Mai 2022, 13:18:28 von pearl »
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thuja thujon

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Re: Kehrseite des gebietsheimischen Saatgutes
« Antwort #3 am: 03. Mai 2022, 15:41:42 »

Guter Hinweis mit den Ausgleichsmaßnahmen.
Hier wird demnächst auch wieder zugebaut und dafür ein Gemüseacker aus der Produktion genommen. Dort ist Wiese geplant mit Obstbäumen.

Für die Wiese autochthones Saatgut und für die Bäume?
Eine Sorte aus dem Bundesland wegen des Grundgedanken `gebietsheimisch´? Oder doch eine die nicht aus der Eifel kommt sondern vom Weinbauklima in der Vorderpfalz? Oder sollte man vielleicht doch ein paar Apfelkerne in den Boden drücken damit sich die Bäume generativ an zukünftige Wetterunbilden anpassen können?

Sehr obskur das ganze. Und wenn man es nicht schon besser wüsste: die Bäume werden nicht fachgerecht gepflegt werden, die Wiese wird von Hunden zugekackt und die Vögel vertrieben, die Schwimmbadgäste werden ihren Plastikmüll auch weiterhin dort hinwerfen. Aber das sind andere Themen.
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Staudo

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Re: Kehrseite des gebietsheimischen Saatgutes
« Antwort #4 am: 03. Mai 2022, 15:51:54 »

Nach meinen Erfahrungen gibt es durchaus Behördenmitarbeiter, die die Schwächen des behördlichen Naturschutzes kennen, von solchen Praktikern wie Frau frauenschuh mal ganz abgesehen.  ;)
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Suse

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Re: Kehrseite des gebietsheimischen Saatgutes
« Antwort #5 am: 03. Mai 2022, 16:59:12 »

Jahrelang war ich in der Biotoppflege tätig. Was war das immer ein trara mit den 'Angesalbten'. Meine Meinung ist heute: die Pflanzen, die sich über Jahre ohne Pflege etablieren können, natürlich keine Invasiven, die sind in der Naturlandschaft richtig.

Passt nicht ganz zum Thema: das mit dem musealen Naturschutz spricht mir aus dem Herzen, hier bei uns das Nachahmen früherer Nutzungsformen auf 20 Flächen in Form von mähen, harken, Mähgut entfernen, mähen, harken........ Und natürlich die spontan auflaufenden Gehölze jedes Jahr entfernen. Bei Sahnestücken sicher nicht schlecht, z.B. auf feuchten Orchideenstandorten, aber muß man immer die Natur so am Gängelband nehmen und nach menschlicher Vorstellung gestalten? Zumal die Stickstoff-, Feuchtigkeit- und Temperaturverhältnisse sich verändert haben. Ta Panda Ri, alles fließt.
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pearl

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Re: Kehrseite des gebietsheimischen Saatgutes
« Antwort #6 am: 03. Mai 2022, 18:44:17 »

 :D es gibt so "Projekte" zur Biotoppflege, egal ob Schule, NABU oder BUND, die sind echt niedlich. Aber gut, die Leute haben was zu tun und sind draußen in der Natur.  ;D Aktuell geht es hier um Krötenzäune mit Geschwindigkeitsbegrenzung über Nacht an der Landstraße zum Dorf. Ich hab in der gesamten Zeit in der ich da durchfahre noch nie irgendwelche Amphibien auf der Straße gesehen, weder lebende noch tote.  ;D Aber ein wahnsinns wichtiges Projekt hier. Aber ist auch klar, die wirklich wichtigen Dinge kann man nicht kleinräumig anleiern. Die Kläranlagenproblematik in Odenwaldtälern, das Gülle ausbringen auf bachbegleitenden Wiesen, die Versäumnisse in der Kanalisation und Wasserversorgung. Trennung von Brauch und Trinkwasser ... Aufbau kommunaler Wälder und stärkere ökologische Ausrichtung der Waldnutzung um dem Klimawandel etwas entgegen zu setzen und die Wetterkatastrophen abzumildern. ...
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Wühlmaus

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Re: Kehrseite des gebietsheimischen Saatgutes
« Antwort #7 am: 03. Mai 2022, 19:26:48 »

Ist zwar eigentlich hier o.T.: In einer Teilgemeinde gibt es seit einigen Jahren ein Projekt "Krötentaxi", betrieben von Eltern und Kindern und Eimern. Seither gibt es auch keine Kadaver mehr auf der Straße 8)
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WühlmausGrüße

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pearl

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Re: Kehrseite des gebietsheimischen Saatgutes
« Antwort #8 am: 03. Mai 2022, 19:54:29 »

ja, aber hier gab es auch ohne "Krötentaxi" keine Kadaver auf der Straße.  ;D
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Chica

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Re: Kehrseite des gebietsheimischen Saatgutes
« Antwort #9 am: 03. Mai 2022, 21:00:24 »

Nachvollziehbar ist diese Studie der Uni Geisenheim:
https://idw-online.de/de/news791330

Ich lese aus dieser Studie überhaupt nicht das Maß an Kritik, das Ihr darin offensichtlich findet. Da wird zitiert: „Wir möchten eine reflektierte interdisziplinäre Debatte anstoßen, um das wichtige Ziel genetischer Vielfalt innerhalb der einzelnen Pflanzenarten mit Auswirkungen auf die ganzheitlichen Aufgaben des Naturschutzes abzugleichen“. Das sehe ich überhaupt nicht problematisch. Es ist doch gut, wenn eine Änderung des Naturschutzgesetzes auf Praxistauglichkeit geprüft und ggf. angepasst wird. Eine Forderung aus dieser Studie ist meines Wissens bereits Realität:

"• Wildpflanzen-Saatgut muss durch spezialisierte Betriebe angebaut und vermarktet werden. Derzeit bestehen starke Lieferengpässe. Im Falle mangelnder Verfügbarkeit von Arten sollten daher ohne Genehmigungserfordernis standörtlich ähnliche, benachbarte Ursprungsgebiete zulässig sein. Zugleich ist dringend die Verfügbarkeit zu verbessern."

Es ist doch überaus begrüßenswert, dass in allen Regionen Deutschlands jetzt gezielt Wildpflanzensaatgut produziert und damit die Wichtigkeit dieser Naturschutzaufgabe unterstrichen wird. Die Ursprungsgebiete haben übrigens nichts mit den Bundesländern zu tun, sondern mit Landschaften/gleichem Boden/gleichem Klima usw.

Eurer Kritik an Naturschutzorganisationen kann ich auch nur bedingt zustimmen. Natürlich gibt es regionale Gruppen, denen es an Fachwissen fehlt und die aus Unkenntnis im Aktionismus stecken. Ich kann aber für die Fachgruppen des NABU in Berlin/Brandenburg aus persönlicher Erfahrung berichten, dass da von unbezahlten Laien wissenschaftliche Arbeit geleistet wird und nicht irgend etwas. In die Fachgruppe Lepidoptera sind permanent hochdotierte Wissenschaftler vom Senckenberg Institut und anderen Forschungseinrichtungen integriert. Ich befinde mich da unter promovierten, hochintelligenten (meist) Männern, die durchaus wissen was sie tun und die über ganz Deutschland vernetzt sind. Und die alle, mehr als 50 Mann, nicht einen Cent dafür bekommen, die da alle aus Idealismus mittun.
« Letzte Änderung: 03. Mai 2022, 21:02:00 von Chica »
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pearl

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Re: Kehrseite des gebietsheimischen Saatgutes
« Antwort #10 am: 03. Mai 2022, 21:06:23 »

... promovierten, hochintelligenten ...
.
 ;D promoviert und hochintelligent bin ich auch.  ;D
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Re: Kehrseite des gebietsheimischen Saatgutes
« Antwort #11 am: 03. Mai 2022, 21:08:53 »

Ich weiß meine Liebe  8).
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Ekwisetum

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Re: Kehrseite des gebietsheimischen Saatgutes
« Antwort #12 am: 03. Mai 2022, 21:20:35 »

Lokales Saatgut ist so eine Sache, es wird auch schon in Naturschutzvereinen diskutiert, ob die Wiesen, von denen das Saatgut gewonnen wird, nicht dadurch übernutzt werden, weil zur Saatgutgewinnung  Erntezyklen statt  Beweidungszyklen gelten, was eine andere Beweidung usw. ....
Alternativ  kann man aber auch Wildkrautäcker anlegen, die alle 2 Jahre z.B. mit Getreide eingesät werden und nach kurzer Zeit von ganz alleine eine beachtliche Artenvielfalt entwickeln, ohne zugekauftes Wildwiesen-Saatgut.
Wie oben schon erwähnt, die Bäume, die gepflanzt werden stammen bisher oft vom billigsten Anbieter im Ausschreibungsverfahren und der holt sie sich aus Italien.
Vor ein paar Jahren gab es z.B. nirgends Maulbeeren zu kaufen, weil die Lieferanten aus Italien Probleme mit Krankheiten hatten.
« Letzte Änderung: 03. Mai 2022, 21:27:25 von Ekwisetum »
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dmks

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Re: Kehrseite des gebietsheimischen Saatgutes
« Antwort #13 am: 12. Mai 2022, 22:48:20 »

Gebietsheimische Maulbeeren sind in D von Natur aus Mangelware! ;)
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lerchenzorn

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Re: Kehrseite des gebietsheimischen Saatgutes
« Antwort #14 am: 22. März 2023, 07:36:00 »

Im Naturschutzbereich darf nur noch gebietsheimisches Saatgut verwendet werden. Die Kehrseite davon ist, daß die einschlägigen Saatgutproduzenten nur häufigere Arten in ihren Mischungen anbieten. Das heißt, daß seltenere Pflanzenarten nicht mehr ausgebracht werden und damit die auf sie spezialisierten Insekten nicht gefördert werden.
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Ich geh noch einmal an den Anfang dieses Fadens, in den ich mich damals nicht eingemischt hatte. Mir war das alles zu schnell und zu heiß gekocht.  ;)

Die ersten beiden Sätze des Eingangs-posts stimmen und dass es so ist, wie es da steht, ist gut und richtig. Pflanzen-Saatgut, das aus einere überschaubaren Zahl von Ausgangspopulationen geerntet und in großen Mengen vermehrt wird, sollte nur von solchen Arten abstammen, die in der jeweiligen Region häufig und weit verbreitet sind. Nur dann können die im Gebiet bereits vorhandenen Populationen dieser Arten ihre genetische Vielfalt behaupten.

Wenn aus sehr wenigen Herkünften massenhaft vermehrte und ausgebrachte Pflanzen der seltenen Arten in Kontakt zu den letzten, oft nur sehr kleinen natürlichen Restbeständen dieser selben Arten kommen, ist die Gefahr groß, dass die in diesen Restbeständen erhaltene genetische Vielfalt "aufgerieben" wird. Der Verlust ist nicht sichtbar, aber real. Der Rest von Vielfalt, der in diesen örtlichen Populationen steckt, "ertrinkt" in gut gemeinten, uniformierenden Massen-Ansiedelungen.

(Letztlich geht es beim Schutz der innerartlichen Vielfalt um den Schutz der evolutiven Prozesse: Was an langfristig entstandenen Ergebnissen der Sippenentwicklung, der Arealbildung und der örtlichen Anpassung in der Vielzahl weit verteilter Populationen steckt, soll als Basis der aktuellen und künftigen evolutiven Entwicklungen der jeweiligen Arten und Sippen erhalten bleiben.)

Der dritte Satz des Eingangs-posts ist diskussionswürdig. Niemand verbietet, dass Samen von seltenen Arten vor Ort besammelt, angezogen oder auch vermehrt und an geeignete Standorte in der örtlichen Umgebung ausgebracht werden. Für besonders geschützte Arten, die nicht genehmigungsfrei gesammelt werden dürfen, werden in solchen Fällen in der Regel Sammelgenehmigungen erteilt. Ebenso ist es nicht verboten, Mahdgut, Häckselgut oder Heudrusch, auch samenhaltigen Oberboden von artenreichen Flächen, die nicht aus jüngeren, unklaren Ansaaten stammen, auf andere Flächen in der näheren Umgebung zu übertragen, um diese in ihrer Artenvielfalt zu stärken.

Die Kombination aller dieser Methoden, mengenmäßige Ausbringung von Regio-Saatgut (regionales, hochwertig erzeugtes, aber genetisch bereits verengtes Saatgut) und örtliche Übertragung der selteneren Arten, sind ebenfalls denkbar und stoßen in der Regel nicht auf Widerstand.

Das Problem liegt in der Praxis: artenreiche Ansaaten werden in den meisten Fällen zur Erfüllung von Ausgleichs- und Ersatzpflichten bei baulichen Eingriffen durchgeführt. Egal, wie teuer und groß die Baumaßnahme ist: die Naturschutzmaßnahmen sollen immer vergleichsweise preiswert, vor allem aber schnell und einfach umzusetzen, möglichst auch nach ein, zwei Jahren abgeschlossen sein. (So ist das bei Investitionen: profitabel ist nur, was sich effizient und zügig abwickeln lässt.  :-X )
Unter diesen Rahmenbedingungen werden sinnvolle, örtliche Vermehrungen und Übertragungen meistens gar nicht erst in Betracht gezogen. Dennoch wird häufig lauthals geklagt, dass die Naturschutzbehörden eine schöne, bunte Artenvielfalt ("aus der Tüte") be- und verhindern.

Der verlinkte Beitrag tappt genau in diese Falle. Die AutorInnen beklagen das Fehlen einer "interdisziplinären" Betrachtung und eines "ganzheitlichen" Ansatzes. Sie meinen dabei aber nur, dass der Schutz von Tierartengruppen bitte durch weniger sorgsames und durch möglichst üppiges Ausbringen von Pflanzen in die Landschaft verbessert werden soll. Sie übersehen, dass artenreiche Ansiedelungen von Pflanzen nicht per sè verboten sind, aber an andere Voraussetzungen und höhere Anforderungen geknüpft werden müssen. - Ach ja: Was würden SchmetterlingsschützerInnen, BienenschützerInnen, SchwebfliegenschützerInnen usw. zu der Forderung sagen, dass zur Verbesserung der Komplexität unserer Biotope und Ökosysteme dringend große Mengen und viele Arten von künstlich vermehrten Schmetterlingen, Wildbienen und Fliegen in die Natur gekippt werden müssten. Vermutlich würden sie sich an die Stirn tippen und das zu recht.

(Dass der Beitrag von sehr namhaften Wissenschaftlern und auch Praktikern des deutschen Naturschutzes unterschrieben wurde, ist erstaunlich und fatal. Besser wird das Papier dadurch aber leider nicht.)
« Letzte Änderung: 22. März 2023, 08:16:03 von lerchenzorn »
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