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Pflanzenwelt => Obst-Forum => Thema gestartet von: frauenschuh am 17. September 2017, 09:28:36

Titel: Hochstamm versus Halbstamm
Beitrag von: frauenschuh am 17. September 2017, 09:28:36
Diesen Herbst habe ich mir eine Scheune mit anhängender Streuobstwiese gekauft. Auf der Wiese stehen nur noch wenige Veteranen. Immerhin. Sozusagen das Startkapital. Darunter ist ein Boskoop, eine adulte Süßkirsche und überalterte Zwetschen.

Diesen Spätherbst möchte ich dringend nachpflanzen. Knapp in der zweiten Lebenshälfte angekommen, möchte ich schließlich die Ertragsphase noch erleben  ;D

Mein Kenntnisstand ist, dass Hochstämme älter werden als Halbstämme. Wir verwenden draußen auf den Streuobstwiesen auch nur Hochstämme, auch aus ökologischen Gründen. Diese Streuobstwiese liegt aber ca. 170 m nach der letzten Bebauung und soll deswegen auch für uns Ertrag bringen.

Ich hatte allerdings in meiner alten Heimat ein Grünland mit einer uuuuralten Süßkirsche. Da konnte man nie was ernten, da selbst eine lange Leiter nicht ausgereicht hätte. Andererseits sind im Frühling gerade solche Süßkirschen ein richtiger Hingucker.

Ich wäre dankbar hier Anregungen zu bekommen, ob ich mich für Hoch- oder Halbstamm entscheiden soll. Buschobst scheidet aus, da wir eine Schafbeweidung haben und die jungen Bäume auf die Schnelle mit Paletten geschützt werden. Es wird eher utopisch sein, dass wir diesen Herbst noch zu aufwändigeren Schutzmaßnahmen kommen.

Gepflanzt wird: Eine Walnuss (die steht schon fest), zwei oder drei Birnen (Lagerbirnen, da eine Williams schon da ist), mindestens 3 Apfelbäume (Moringer Rosenapfel, Roter Eiserapfel und Danziger Kant) sowie mindestens zwei Zwetschen.

Vielen Dank schon mal für Eure Tipps
Titel: Re: Hochstamm versus Halbstamm
Beitrag von: Sternrenette am 17. September 2017, 09:33:49
Ein Halbstamm hat nur die Krone weiter unten, alles andere ist gleich.

Den hiesigen Kreisobstberater regen nach seiner Aussage beim Mähen einzig die Halbstämme auf, weil er beim Mähen hängen bleibt. Hochstämme sind da pflegeleichter.
Titel: Re: Hochstamm versus Halbstamm
Beitrag von: Antonia am 17. September 2017, 09:56:00
da wir eine Schafbeweidung haben

Aus der Erfahrung mit 1600 neu gepflanzten Hochstämmen und etwa 200 Schafen kann ich nur sagen, schon das ist nicht ganz leicht zu schützen und oft grenzwertig.
In den ersten Jahren haben wir die Stämme mit Jutematerial umwickelt, was sehr aufwändig und für die Rinde nicht gut war, nun haben wir Drahtgitter um die Stämme. Es werden aber immer wieder die unteren Astpartien, die ja zumeist aus den Leittrieben bestehen und sich über die Jahre durch Fruchtbehang absenken, verbissen. Die Schafe lernen ruckzuck, wie man "Männchen" Macht zum Anknabbern, und ein Schaf guckt es dem nächsten ab. Bei uns werden immer wieder die verbissfreudigsten Schafe aus der Herde markiert und geschlachtet, so grausam das klingt. Ich suche mal ein Bild von so einem Schutz und hänge es an -was ich aber sagen möchte, Halbstamm und Schafe verträgt sich nicht, außer du kannst die Bäume wirklich im gesamten Kronenbereich einzäunen.

Falls du dich doch für Halbstamm entscheidest, informier dich über die verwendeten Unterlagen, sie sind oft schwächerwüchsig, aber auch früher tragend als die für Hochstamm.

Titel: Re: Hochstamm versus Halbstamm
Beitrag von: Antonia am 17. September 2017, 10:26:28
Hier sieht man es nochmal besser, ein etwa 15-jähriger Apfel-Hochstamm, dessen untere Äste schon seit geraumer Zeit in Verbissgefahr schweben (auch Damwild weiß, wie man an die leckere Rinde kommt) -stell dir diesen Baum etwas gerader und mit 1 oder 1,2 Meter Stamm vor und dann die Schafe darunter  :P

Titel: Re: Hochstamm versus Halbstamm
Beitrag von: cydorian am 17. September 2017, 10:45:55
Ich wäre dankbar hier Anregungen zu bekommen, ob ich mich für Hoch- oder Halbstamm entscheiden soll. Buschobst scheidet aus, da wir eine Schafbeweidung haben und die jungen Bäume auf die Schnelle mit Paletten geschützt werden. Es wird eher utopisch sein, dass wir diesen Herbst noch zu aufwändigeren Schutzmaßnahmen kommen.

Auf jeden Fall Hochstämme. Die Schutzmassnahmen gegen Verbiss sind bei Schafen ohnehin schon kaum zu leisten, die Beispiele im Thread zeigen das ebenfalls anschaulich.

Ein wohnnahes Grundstück ist aber zu wertvoll, um Obst erst in 15 Jahren zu bekommen. Ich würde ein längeres und schmales Stück an einem Rand abzäunen und dort eine Sortensammlung auf schwächer wachsenden Unterlagen setzen, dichter gepflanzt. Eine Hochstammreihe kann nah dran entlang wachsen. In 20 Jahren überkronen die Hochstämme die kleinen Bäume, die zu diesem Zeitpunkt sowieso am Ende ihres Lebens angekommen sind, denn auf schwachwachsenden Unterlagen werden sie nicht alt. Dann kommen die kleinen Bäume raus und übrig bleibt eine Wiese mit gut entwickelten Hochstämmen im Ertragsstadium.

Auf dieser Weise habt ihr sofort Obstvielfalt in Wohnnähe, den Platz voll genutzt, benötigt keinen aufwendigen Einzelbaumschutz für die kleinen Bäume.
Titel: Re: Hochstamm versus Halbstamm
Beitrag von: frauenschuh am 17. September 2017, 11:44:37
Vielen Dank für Eure Antworten.

Als Ergänzung: Wir haben Landschaftspflegeschafe. Bei uns bleibt also gezielt das, was Strauchverbiss leistet. Allerdings sind sie kleiner, so dass wir mit den Paletten ganz gut fahren. Unsere großen Burenziegen kommen beispielsweise auf keine Fläche, wo hinterher noch ein Baum wachsen soll. So gut kann kein Schutz sein, dass er die überlebt. Am besten sind natürlich die Flächen, auf denen die Bäume mit Dreibein und ordentlich Abstand zum Stamm geschützt werden. Dazu - da habt Ihr vollkommen Recht - gehen aber nur Hochstämme. Wenn allerdings untere Äste nur durch Verbiss dran glauben müssen, finde ich das tolerabel. Ich finde den Kompromiss ganz sinnvoll, vielleicht am Rand die Ausnahme zu machen. Beim Rest wird´s dann wohl doch auch wieder Hochstamm.
Titel: Re: Hochstamm versus Halbstamm
Beitrag von: troll13 am 17. September 2017, 21:10:50
Ein Aspekt, der mir hier bislang etwas zu kurz gekommen ist, betrifft die Verwertungswünsche und -möglichkeiten.

Äpfel und Birnen und Quitten kann man gegebenenfalls mit den sog. "Apfelpflückern" ernten und auch als Fallobst noch verwerten. Aber wer will in Hochstämme klettern, um Kirschen oder Pflaumen zu ernten?
Titel: Re: Hochstamm versus Halbstamm
Beitrag von: Roeschen1 am 17. September 2017, 21:23:11
Wir haben die Zwetschgen geschüttelt, (nicht gerührt) außer wenn Zwetschgenmus daraus wurde... ;)
Es war ein riesiger (Hochstamm-) Baum mit breit ausladender Krone, Sturm Lothar hat ihn zerrissen. Die untersten Äste waren bequem von Hand zu ernten.
Titel: Re: Hochstamm versus Halbstamm
Beitrag von: Rib-isel am 17. September 2017, 21:29:48
Hochstämme dienen zumeist für Obst, welches für die Vermostung oder anderer Verarbeitung dient. Will man eine Obstwiese, die Tafelobst produziert, dann ist der Halbstamm ganz klar die gesuchte Baumform (abgesehen von der Spindel). Ich würde es keinem mehr empfehlen für Tafelobst in einen hohen Baum zu klettern. Da sollte man  viel in den Schnitt am Hochstamm investieren, damit sie nicht zu hoch werden.
Titel: Re: Hochstamm versus Halbstamm
Beitrag von: Staudo am 17. September 2017, 21:33:57
Ich bin klar für relativ hoch aufgeastete Hochstämme, die nach dem Oeschbergschnitt gezogen werden. Nach ein paar Jahren kommen die Äste unter der Last der Früchte nach unten. Das, was man als Tafelobst braucht, kann man von Hand pflücken, das Mostobst aufsammeln und obendrein kommt man mit Technik zwischen den Bäumen durch.
Titel: Re: Hochstamm versus Halbstamm
Beitrag von: Staudo am 17. September 2017, 21:36:33
Aus der Erfahrung mit 1600 neu gepflanzten Hochstämmen und etwa 200 Schafen

Das ist toll, aber wie bekommt ihr das finanziell, zeitlich und kräftemäßig auf die Reihe?
Titel: Re: Hochstamm versus Halbstamm
Beitrag von: cydorian am 17. September 2017, 21:46:16
Niedrige Bäume werden die Schafe fertigmachen, gleich welche Sorten. Also ist tatsächlich zunächst mal die Baumform und Schutztechniken zu klären.

Sorten wie der roter Eiserapfel sind gute Wirtschaftssorten. Was man mit dem Pflücker nicht erwischt, kann man ohne Vorbehalte schütteln und dann versaften. Walnüsse fallen von selbst, Zwetschgen werden nicht so riesig hoch und sind dann per Leiter beerntbar oder schüttelbar, wenn man was unterlegt. Decke auf Gras ist nicht schlecht. Am schwierigsten sind vermutlich Hochstammkirschen. Gibt hohe Bäume. Ich geh da mit einer freistehenden Leiter an, die zwei Stützstangen hat und komme wenigstens in den unteren zwei Dritteln von aussen an die Äste.
Titel: Re: Hochstamm versus Halbstamm
Beitrag von: Antonia am 17. September 2017, 22:19:16
Aus der Erfahrung mit 1600 neu gepflanzten Hochstämmen und etwa 200 Schafen

Das ist toll, aber wie bekommt ihr das finanziell, zeitlich und kräftemäßig auf die Reihe?

Oh das sind nicht meine Schafe und Bäume  :D 

Ich arbeite seit fast 20 Jahren in der Landschaftspflege eines gemeinnützigen Vereins in Darmstadt-Eberstadt, war in den ersten Jahren bei Grundstückserschließungen und Neupflanzungen dabei und kümmere mich heute vor allem um die Pflege des jungen Baumbestandes. Hauptaufgabe ist der Winterschnitt , aber auch Ernte, Schutz, Wasser, Düngung.

Freundeskreis Eberstädter Streuobstwiesen
http://www.streuobstwiesen-eberstadt.de/

Wer in der Nähe wohnt: am 8.Oktober ist Kelterfest :)

Titel: Re: Hochstamm versus Halbstamm
Beitrag von: frauenschuh am 18. September 2017, 07:54:48
Bekannt aus Funk und Fernsehen. Ihr macht eine tolle Arbeit!

Titel: Re: Hochstamm versus Halbstamm
Beitrag von: JörgHSK am 18. September 2017, 14:31:21
Ist auch in Altbeständen keineswegs immer gleich was sich Hochstamm nennt. Da gibt es alle Übergänge zu Halb- und Hochstammmaßen.

Noch eins: Roter Eiserapfel, musst dich aber anstrengen den richtigen zu bekommen, die Baumschulen liefern heutezutage "Blauacher Wädenswil", ein Fehler in den Reisermuttergärten.
Titel: Re: Hochstamm versus Halbstamm
Beitrag von: Antonia am 18. September 2017, 17:01:13
frauenschuh
Danke!
Titel: Re: Hochstamm versus Halbstamm
Beitrag von: Aromasüß am 20. September 2017, 11:18:49
Was hast Du für ein Glück, eine Streuobstwiese gefunden zu haben! Hier, in den Zeiten ungehemmter großer Bodenspekulation, gibt es sie leider nur noch gaaanz selten.

Daran hat der Kreisobstberater nicht gedacht:
Ein Halbstamm hat nur die Krone weiter unten, alles andere ist gleich.

Ein weiteres Argument für den Hochstamm sind die Vögel auf der Obstwiese! Spechte schlagen ihre Höhlen in Bäume, vor allem Apfelbäume, ab 1,80 cm Höhe des Astansatzes; kleinere Bäume ab Halbstammgröße meiden sie (zufolge einer Spechte-Kartierung auf Obstwiesen, Forsthochschule Rottenburg, Bachelorarbeit von Franziska Ulm, Mai 2017, noch nicht im Internet). Wenn ich nachdenke, gilt das auch für Hausrotschwänze in Gärten: Die Bruthöhlen, die ich kenne, befinden sich alle in dicken Hochstämmen.

Wer will in Hochstämme klettern - und wer schüttelt lieber?
... wer will in Hochstämme klettern, um Kirschen oder Pflaumen zu ernten?

Seitdem ich die "Schüttelstange" mit dem Haken dran kenne, pflücke ich Zwetschgen, Rundpflaumen, Myrobalanen schon wegen des Komforts nicht mehr mit der Leiter. Die "Schüttelstange" gibt es in 2-5 Meter Länge (plus die eigene Körpergröße). Hohe Äste lassen sich mit ihr einfach und wirksam schütteln, ohne dass sie oder Teile davon abbrechen. Reift der Pflaumentyp folgernd, so bleiben unreife Früchte hängen und können in Minutenschnelle wochenweise stets neu geschüttelt werden. Wurde vorher nicht gemäht, so lassen sich eine große Planen oder Decken auslegen (je 2 pro Baum: eine links, die andere rechts vom Stamm). Zwetschgen sind nicht so druckempfindlich wie Äpfel und müssen ohnehin bald gefuttert, verarbeitet oder eingefroren werden.

Zum Baumschütteln wünschenswert sind Teleskopstangen, aber die üblichen sind nach wenigen Minuten hin. Gute Erfahrungen habe ich dieses Jahr mit der 4-Meter-Teleskopstange von Gardena gemacht (viel besser als der übliche Ramsch dieser Firma, weil nicht für Hobbygärtner, sondern in Schweden für Hochspannungselektrik hergestellt!). Für ihre Patent-Steckverbindung gibt es leider keinen Haken, sondern nur einen Pflückkorb (-krone). Der geht als Notbehelf auch zum Schütteln.
Titel: Re: Hochstamm versus Halbstamm
Beitrag von: mff am 11. Februar 2021, 14:12:53
Hochstämme dienen zumeist für Obst, welches für die Vermostung oder anderer Verarbeitung dient. Will man eine Obstwiese, die Tafelobst produziert, dann ist der Halbstamm ganz klar die gesuchte Baumform (abgesehen von der Spindel). Ich würde es keinem mehr empfehlen für Tafelobst in einen hohen Baum zu klettern.
So sehe ich das eigentlich auch. Wenn man für sich die Flächennutzung mit Hauptziel "Obst" definiert, sollten sich mögliche Zweitnutzungsformen dem doch unterordnen. Sonst wäre es ja eine Wiese, Pferdekoppel oder Schafweide mit "Baumanteil".
Häufig habe ich auch das Argument "Traktoren und Maschinen werden immer größer" als Argument für Hochstämme (die heutigen mit 1,8-2m) gefunden. Ist diese Denkweise nicht grundlegend falsch? In anderen Bereichen ist es doch auch möglich, die Geräte und Maschinen den Anforderungen anzupassen statt umgekehrt...  ???

Ich habe in meinem Fall noch die Möglichkeit, für alle Bäume die Stammhöhe selbst festzulegen. Die Bäume sind selbst angezogen und haben alle eine Sämlingsunterlage. Derzeit würde ich zwischen 1,2 und 1,5m Stammhöhe je nach Art und Sorte wählen. Argumente dafür und dagegen nehme ich gerne an.


Titel: Re: Hochstamm versus Halbstamm
Beitrag von: Waldgärtner am 11. Februar 2021, 14:21:48
Häufig habe ich auch das Argument "Traktoren und Maschinen werden immer größer" als Argument für Hochstämme (die heutigen mit 1,8-2m) gefunden. Ist diese Denkweise nicht grundlegend falsch? In anderen Bereichen ist es doch auch möglich, die Geräte und Maschinen den Anforderungen anzupassen statt umgekehrt...  ???

Dem Bauern, der meine Wiese mäht, ist die Kronenhöhe egal. Der braucht mindestens 12m Abstand zwischen den Reihen, dass er da mit seinem Mähwerk durchkommt. In der Regel ist das doch entscheidender. Wozu soll der Trekker direkt unter den Bäumen durchfahren? (abgesehen vielleicht vom Aufsitzrasenmäher...)

Bei eigenen Veredelungen lege ich die Kronenhöhe übrigens auch je nach Wuchsstärke individuell fest.
Das Argument Streuobst = 1,80m Kronenhöhe stammt aus irgendwelchen Amtsstuben und hat mit der Realität nicht viel zu tun. Auf den wenigsten älteren Wiesen dürfte das durchgehend eingehalten sein, außer wenn sie beweidet werden.
Titel: Re: Hochstamm versus Halbstamm
Beitrag von: Staudo am 11. Februar 2021, 14:56:43
Mir gefallen Hochstämme besser, was natürlich absolut objektiv ist.  ;) Ich versuche mich im Oeschbergschnitt und lasse herunterhängende Äste wachsen. An die kommt man zur Ernte von etwas Tafelobst gut heran.
Titel: Re: Hochstamm versus Halbstamm
Beitrag von: ringlo am 11. Februar 2021, 14:58:10
Da hat sich jemand Gedanken über dieses Thema gemacht
https://www.ogv-erbach.de/index.php/gartentipps/obst/wer-braucht-den-hochstamm

PS Ich bin zwar ein Halbstamm-Fan, aber ich besitze auch Hochstämme und Buschbäume, alles an seinem Platz. Aber ich frage mich auch, ob die sog. Streuobstwiese das Alleinseligmachende ist. Meiner Meinung nach sind allein stehende Hochstämme  und kleine Baumformen für den Garten mindestens ebenso wichtig.
Titel: Re: Hochstamm versus Halbstamm
Beitrag von: mff am 11. Februar 2021, 15:53:37
@ringlo
Danke für den Hinweis. Der Beitrag war mir bereits bekannt. Da sind einige Aspekte, die ich ähnlich beurteilen würde.

Grundsätzlich gilt auch bei mir: Ich bin kein Hochstamm-Gegner. Ich besitze und beernte selbst Hochstämme. Dabei fällt mir aber zunehmend auf, dass die etwas niedrigeren Bäume bevorzugter beerntet und auch gepflegt werden, als die ganz hohen Riesen.
Deshalb würde ich auch bei der Neuanlage einer OBSTwiese (hier liegt der Schwerpunkt auf dem Obst) vom Gefühl her eine etwas niedrigere Stammform bevorzugen.

Leider ist es wohl so, dass (wegen fehlender Fördermöglichkeit?) kaum eine Baumschule die Kombination aus Sämlingunterlage und niedriger Stammform anbietet.
Wie bereits geschrieben, ist das in meinem Fall egal, da ich meine Bäume selbst ziehe und somit alle Freiheiten habe.

Ergänzend:
Wenn ich Bäume mit Leitastansatz von 1,3 oder 1,4m erzeuge, ist es wohl streng genommen weder Halbstamm noch Hochstamm. Dennoch scheint mir das Thema noch passend  ;)
Titel: Re: Hochstamm versus Halbstamm
Beitrag von: ringlo am 11. Februar 2021, 16:16:32
mff, da liegen wir auf einer Wellenlänge.
Die sog. Streuobstwiesen verschwinden doch immer mehr, weil sie nicht genutzt werden. Da hilft auch eine Förderung wenig.
Obstwiesen, Obstbäume im Garten werden nicht gefördert, aber öfters genutzt und einzelne Hochstämme in der Flur erfreuen das Auge und die Natur mehr als verwahrloste Neuanpflanzungen.

Titel: Re: Hochstamm versus Halbstamm
Beitrag von: Wild Obst am 11. Februar 2021, 19:52:37
...
Leider ist es wohl so, dass (wegen fehlender Fördermöglichkeit?) kaum eine Baumschule die Kombination aus Sämlingunterlage und niedriger Stammform anbietet.
Wie bereits geschrieben, ist das in meinem Fall egal, da ich meine Bäume selbst ziehe und somit alle Freiheiten habe.

Ergänzend:
Wenn ich Bäume mit Leitastansatz von 1,3 oder 1,4m erzeuge, ist es wohl streng genommen weder Halbstamm noch Hochstamm. Dennoch scheint mir das Thema noch passend  ;)

Meinem Vater hat eine lokale Baumschule hemmungslos Äpfel auf Sämlingsunterlage mit so 1,2-1,5m Kronenhöhe als "Hochstämme" verkauft. Für die Förderung (5€/"Hochstamm", von der Gemeinde) damals (knapp 20 Jahre her) war nur die Rechnung der Baumschule relevant... Niemand hat die Kronenansatzhöhe je nachgemessen.  ;)

Die heutigen Förderungen sind für die meisten komplett unattraktiv: Irgendwelche Pflegevorschriften für Bäume und Wiese (Mahdtermine, Schnitt, Düngung,...) und  teilweise sogar +- vorgeschriebene Pflege/Überwachung von "Experten", oft Sortenvorgaben, jahrelange Verpflichtungen, endlose Dokumentationsbürokratie...
Titel: Re: Hochstamm versus Halbstamm
Beitrag von: Waldgärtner am 11. Februar 2021, 20:49:40
oft Sortenvorgaben

Allein deshalb habe ich drauf gepfiffen. Die paar Euro sind es am Ende nicht wert, dass ich mir derart reinreden lasse.
Titel: Re: Hochstamm versus Halbstamm
Beitrag von: Staudo am 11. Februar 2021, 20:52:19
Ich gehe davon aus, dass die Baumschule Deines Vertrauens einen für beide Seiten akzeptablen Kompromiss findet. Wer bestimmt die Sorten nach?
Titel: Re: Hochstamm versus Halbstamm
Beitrag von: mff am 11. Februar 2021, 21:38:34
Auf Förderung verzichte ich bei eigener Anzucht ja bewußt. Die Bäume müsste ich sonst an mich selbst verkaufen. Da tue ich mir als Privatmensch schwer...

Dafür kann ich einerseits genau die Sorten anziehen, die "um mich herum" auch gut funktionieren und habe die Garantie, dass diese auch stimmen. Diese Garantie wird mir keine Baumschule geben wollen. Dass ich in eine Baumschule so großes Vertrauen hätte, um dort nach Sorten zu bestellen, dafür weiß ich mittlerweile zu viel. ;D
Titel: Re: Hochstamm versus Halbstamm
Beitrag von: Wild Obst am 12. Februar 2021, 09:40:40
Ich gehe davon aus, dass die Baumschule Deines Vertrauens einen für beide Seiten akzeptablen Kompromiss findet. Wer bestimmt die Sorten nach?

Das stimmt natürlich auch. Oder man könnte auch umveredeln. Aber das war ja auch nur ein Teil der Förderungen. Ich selbst habe auch nie irgendwelche Förderungen beantragt.

Und zurück zum Thema Hochstamm versus Halbstamm: Ich, bzw. mein Vater und ich, wir haben eine bunte Mischung:

Die 3/4 Stamm Apfelbäume
Meinem Vater hat eine lokale Baumschule hemmungslos Äpfel auf Sämlingsunterlage mit so 1,2-1,5m Kronenhöhe als "Hochstämme" verkauft. Für die Förderung (5€/"Hochstamm", von der Gemeinde) damals (knapp 20 Jahre her) war nur die Rechnung der Baumschule relevant... Niemand hat die Kronenansatzhöhe je nachgemessen.  ;)
einige ältere Bestands Birnen und Walnüsse als Hoch(Höchst?)stämme mit 3m und tlw. mehr,

Neupflanzungshochstämme: (1,7-2,0m Stammhöhe) von Apfel, Birne, Speierling und Kirsche

Neupflanzungsalbstämme und Büsche: Quitten, Pfirsiche, Mispeln und Kornelkirschen

Bei gepflegten, breiten Kronen kommt man auch bei Hochstämmen noch gut genug an Früchte, um das nötige Tafelobst zu pflücken, vom Boden oder von einer niedrigen Leiter. Den Rest kann man dann eben schütteln. Und bei Obstarten, die sowieso nicht so wüchsig sind (Pfirsiche &Co, siehe oben), machen Hochstämme auch keinen Sinn, bzw. stören die niedrigeren Äste durch nicht ganz so breiten Wuchs auch (zumindest noch) nicht beim Mähen.
Titel: Re: Hochstamm versus Halbstamm
Beitrag von: Aromasüß am 14. Februar 2021, 13:46:23
... (wegen fehlender Fördermöglichkeit?) kaum eine Baumschule die Kombination aus Sämlingunterlage und niedriger Stammform anbietet.

Für den Garten bieten viele Baumschulen Halbstamm auf Sämling an. Ich finde es aber auch völlig ok, wenn je nach Sorte, Klima und Garten A2 oder M25/MM111 verwendet wird.


Wenn ich Bäume mit Leitastansatz von 1,3 oder 1,4m erzeuge...

Nach Definition handelt es sich ab Stammhöhe 1,20 Meter um den Halbstamm; für 1,60 bis 1,80 gab es früher die Bezeichnung Dreiviertelstamm; ab 1,80 Meter war und ist es der Hochstamm. (Quelle und Quelle2)


Da hat sich jemand Gedanken über dieses Thema gemacht

Welche Gedanken meinst Du? Ich finde da viel Polemik.

Die Förderungen sind nicht für das Gartenhobby gedacht, sondern für Streuobstwiesen: Das sind ökologische Lebensräume in der freien Landschaft, seit jeher auf dem starkwüchsigen und großkronigen Hochstamm.

Um an einem Beispiel eines der vielen Argumente pro Hochstamm auf der Streuobstwiese zu verdeutlichen: Spechte bauen ihre Höhlen in große Hochstämme, bevorzugt ab 1,90 Meter Stammhöhe. Aber Bäume mit Stammhöhe unter 1,60 meiden sie. Das fand eine Forstwirtschafts-Studentin durch genaue Kartierung heraus: Quelle (gehe dort auf Seite 21/22). Wenn die - von kaum einer eigenen Streuobst-Sachkenntnis getrübte - Polemik des OLG Erbach den NABU-Streuobst-Rundbrief als Quelle nutzt, sollte sie sich zumindest bemühen, die darin vorgebrachten Kenntnisse zu verstehen: Finden Spechte, hier vor allem Grünspechte, keinen Stamm, der sich für ihre Nisthöhle eignet, dann sterben sie in der jeweiligen Gegend aus.


Auf Förderung verzichte ich bei eigener Anzucht ja bewußt. Die Bäume müsste ich sonst an mich selbst verkaufen

Wenn die Gemeinden Jungbäume in günstiger Sammelbestellung verkaufen, wenden sie sich an die Hobbygärtner.

Aber die Förderungen nach Naturschutz- oder Baurecht (= Ausgleichsmaßnahmen) wenden sich an Profis, die auf diese Weise mit ökologisch bewirtschafteten Streuobstwiesen etwas Geld verdienen können. Das "KOB" schreibt dazu: Ausgleichsmaßnahmen ermöglichen es, die Pflege ganz oder teilweise "zu vergeben. Hier kommen beispielsweise die Fachwarte Obst- und Garten, Obstbaubetriebe oder Landwirte in Betracht."

Also musst Du bei Deinen Liebhaber-Experimenten weiterhin ohne Förderung auskommen, und das ist Dir vermutlich auch lieber so?!
Titel: Re: Hochstamm versus Halbstamm
Beitrag von: Staudo am 14. Februar 2021, 13:54:13
Aber die Förderungen nach Naturschutz- oder Baurecht (= Ausgleichsmaßnahmen) wenden sich an Profis, die auf diese Weise mit ökologisch bewirtschafteten Streuobstwiesen etwas Geld verdienen können.

Das ist mir in der Praxis nicht gelungen. Die letzte Variante, die ich kenne, ist, dass man Streuobstwiesen ein paar Jahre nicht pflegen sollte, wenn man Geld für die Pflege will. Ist die Hälfte der Bäume abgängig und die Wiese droht zu verbuschen, wird u.U. im Rahmen einer „Revitalisierung“ eine Ausgleichsmaßnahme finanziert. Hier plant man derzeit, auf eine junge Streuobstwiese einen Biotop für Zauneidechsen anzulegen, auf der Nordseite des angrenzenden Walds. Meine Bemühungen, statt dessen lieber die Pflege der Streuobstwiese zu finanzieren, fand kein Gehör. Also werden in eine freie Ecke der Wiese statt Obstbäume Sträucher gepflanzt ...
Titel: Re: Hochstamm versus Halbstamm
Beitrag von: ringlo am 14. Februar 2021, 14:33:10
Da hat sich jemand Gedanken über dieses Thema gemacht
https://www.ogv-erbach.de/index.php/gartentipps/obst/wer-braucht-den-hochstamm

PS Ich bin zwar ein Halbstamm-Fan, aber ich besitze auch Hochstämme und Buschbäume, alles an seinem Platz. Aber ich frage mich auch, ob die sog. Streuobstwiese das Alleinseligmachende ist. Meiner Meinung nach sind allein stehende Hochstämme  und kleine Baumformen für den Garten mindestens ebenso wichtig.

Nun, lieber Aromasüß, Gedanken sind frei. Ob man immer damit übereinstimmt , ist die andere Sache.
Ich persönlich bin für Diversität. Ich habe Halbstämme, die ich zumindest ohne Leiter teilweise beerbten kann. Ich habe Büsche, die ich ganz ohne Leier berenten kann. Und ich habe Hochstämme, die ich nur mit der Leiter beernten kann. Und ich habe Speierlinge, Walnuss-, Vogelbeer-Bäume, Schlehenhecken u.v.a., die ich gar nicht beernte

Förderung habe ich bisher keine erhalten, aber von meinen selbst angezogenen Bäumchen schon viele verschenkt.
Wenn sog. Streuobstwiesen gefördert werden, dann sollten diese auch entsprechend gepflegt werden. Wo keine Förderung ist, sollte jeder die Freiheit haben, zu tun und lassen, was er will, auch eine ehemalige Obstwiese verwildern zu lassen oder Halbstämme oder 3/4-Stämme zu pflanzen.
Titel: Re: Hochstamm versus Halbstamm
Beitrag von: planthill am 14. Februar 2021, 19:47:52
Das ist mir in der Praxis nicht gelungen. Die letzte Variante, die ich kenne, ist, dass man Streuobstwiesen ein paar Jahre nicht pflegen sollte, wenn man Geld für die Pflege will. Ist die Hälfte der Bäume abgängig und die Wiese droht zu verbuschen, wird u.U. im Rahmen einer „Revitalisierung“ eine Ausgleichsmaßnahme finanziert. Hier plant man derzeit, auf eine junge Streuobstwiese einen Biotop für Zauneidechsen anzulegen, auf der Nordseite des angrenzenden Walds. Meine Bemühungen, statt dessen lieber die Pflege der Streuobstwiese zu finanzieren, fand kein Gehör. Also werden in eine freie Ecke der Wiese statt Obstbäume Sträucher gepflanzt ...

Sind das nicht noch andere Tiere die auf Gehölzen leben?

Bau lieber Zäune, für Mauern werd' ich Dich nicht mehr begeistern ...
Titel: Re: Hochstamm versus Halbstamm
Beitrag von: mff am 15. Februar 2021, 15:19:57

Die Förderungen sind nicht für das Gartenhobby gedacht, sondern für Streuobstwiesen: Das sind ökologische Lebensräume in der freien Landschaft, seit jeher auf dem starkwüchsigen und großkronigen Hochstamm.

Um an einem Beispiel eines der vielen Argumente pro Hochstamm auf der Streuobstwiese zu verdeutlichen: Spechte bauen ihre Höhlen in große Hochstämme, bevorzugt ab 1,90 Meter Stammhöhe.

Es geht mir nicht um die Förderung. Allerdings ist es vermutlich auch mehr als ein "Gartenhobby", da ich bislang bereits 40 meiner selbst gezogenen "(Noch-) Nicht-Hochstämme" auf freier Flur (ein Grundstück) gepflanzt habe. Somit dürfte der Begriff (Streu-)Obstwiese für mein Empfinden schon gelten.
Wie eingangs bereits geschrieben, pflanze ich diese nicht primär aus Naturschutzgründen, sondern um Obst zu erzeugen. Deshalb ist das Spechtargument für mich eher nicht relevant. Sollten manche der Bäume einst eine entsprechende Höhe und Alter erreichen um als Spechtwohnung zu fungieren, habe ich natürlich nichts dagegen.

OT: wenn es sich bei den mir bekannten Ausgleichspflanzungen um die Arbeit von "Profis" handelt, will ich lieber niemals zu dieser Kategorie gezählt werden  ;D