Je nun:
Wissenschaftliche Einteilung in Rangstufen (Art, Gattung, Familie etc.), genannt Taxonomie, zwingt uns dazu wissenschaftliche Maßstäbe anzulegen. Dazu gehört, daß alle Rangstufen (Taxa) monopyletisch (zu einer Abstammungslinie gehörig) sein müssen - d.h. sie müssen auf einen unmittelbaren gemeinsamen Vorfahren zurückzuführen sein, der exklusiv ihr gemeinsamer Vorfahre ist. Haben Taxa keinen exklusiven gemeinsamsamen Vorfahren, sind also nicht unmittelbar verwandt, so sind sie polyphyletisch (aus vielen Abstammungslinien bestehend). Monophyletische Gruppen können wieder in kleinere monophyletische Gruppen geteilt werden, wenn man sie an der basalsten Stammbaumverzweigung trennt. Das ist Geschmackssache, ob man kleinere oder größere Taxa mag. Wenn ich aber eine Gruppe so raustrenne, daß der letzte gemeinsame Vorfahre der Restgruppe auch Vorfahre der abgetrennten Gruppe ist, so ist die Restgruppe paraphyletisch. Also streng genommen polyphyletisch, aber nicht so ganz.
Was Datura betrifft, so steht durch die Abtrennung der zweifellos basalen Brugmansien Datura ceratocaula blöd da, der sowohl morphologisch etwas als embryologisch völlig intermediär zwischen den Brugs und den Daturen im engeren Sinn dasteht. Die Gattung Ceratocaula gibt es formal. Daß alle Daturen einjährig wären ist unrichtig. Während Brugs wie ihre Vorfahren holzig geblieben sind, ist Ceratocaula zur annuellen Sumpfpflanze geworden, einem Röhricht-Spreizklimmer. Beide haben unbestachelte, hängende Beerenfrüchte. Die Kern-Daturen dagegen zeigen alle Übergänge vom (bei uns einjährig gezogenen) Halbstrauch (die primitive D. metel) über Stauden (D.-meteloides-Komplex mit mindestens zwei Arten: D. inoxia, D. wrightii - letztere völlig winterhart) bis hin zur Mehrheit der Annuellen. Ähnliche Progression zeigen die Früchte: von der unbestachelten, aber höckrigen, hängenden Beere (D. metel) über stachelige Beeren hin zur hängenden und später stehenden Kapsel.
Genetische Analysen mit fehlbestimmtem Material zeigten Ceratocaula als basalen Clade (Stammbaumast) der großteils völlig falsch bestimmten Kern-Daturen (was die Autoren selbst zugeben) durchaus gemeinsam trennbar vom Brugmansia-Clade, doch fehlt in der Analyse die primitivste (basale) Brugmansie, also die mit größter Nähe zu D. ceratocaula, nämlich Datura arborea, was das Ergebnis völlig irrelevant - weil uninterpretierbar - macht. Klar kann ich Taxa als getrennt darstellen, wenn ich die am weitesten voneinander entfernten Extreme vergleiche. Zur Klärung taxonomischer Fragen kann aber ein relenter Vergleich aller basalen Glieder der Kette und einiger weiter entfernter Glieder führen.