Wer Gemüse anbaut, soll auch sehen, wo er damit bleibt.
Den nachbarlichen Stress habe ich zur Genüge ausgelebt, so dass ich lieber mein Gemüse bei ALDI kaufe als den dankbaren Abnehmer für private Agrarüberschüsse zu spielen.
Da kommt doch in diesem Sommer die gute Frau von gegenüber mit einem herrlichen Salatkopf. Freudestrahlend habe ich ihn angenommen. Auch der Kopf am folgenden Tag war willkommen. Er passte zwar nicht in den Küchenplan, da der Nachbar rechts von uns Möhren angeliefert hatte. Ich habe nicht gewagt, ihm zu sagen, dass ich keine Möhren mag. Was soll's, sagte ich mir, deponier den Salat doch einfach zu den Kohlrabi, die wir dem Nachbarn zur Linken zu verdanken hatten. Die dort ebenfalls lagernden, inzwischen schon leicht angewelkten Erbsen schob ich einfach beiseite. Als auch am 3. Tag ein Salatkopf vor der Türe lag, wagte ich einen sanften Einwand. Leicht verschnupft meinte die zu erfolgreiche Gärtnerin, es gäbe ja noch andere, sehr dankbare Abnehmer. Das "sehr dankbar" war in der Stimmlage dick und schwarz unterstrichen.
Auch der Bauer auf der anderen Straßenseite ist leicht angesäuert, weil wir kein Achtel Rind mehr abkaufen. Ich möchte aber keine Tiefkühltruhe voller Rindfleisch haben, sondern hin und wieder auch Schwein oder Geflügel essen. Er guckt sogar schon komisch, wenn unser Kartoffelverbrauch auch nur geringfügig nachlässt. "Schmecken sie Ihnen nicht mehr?", ist noch die mildeste Äußerung seines Misstrauens, ob ich seinen Agrarprodukten etwa untreu geworden bin.
Der Hühnerbauer spricht inzwischen nicht mehr mit mir, weil mir seine Suppenhühner einfach nicht schmeckten und ich seit geraumer Zeit keine gekauft habe.
Mit anderen Worten: Auf dem Dorf ist es etwas schwierig, kritischer oder selbstbestimmter Verbraucher zu sein.