Ein Artikel vom ÖKO-L! Das ist ja toll, der frühere Schriftsetzer ist der Obmann unseres Landschaftspflegevereins. Das ist auch der Grund, warum ich mich mit dem Thema - im kleinen Rahmen der regionalen Kulturlandschaft - auseinandersetze.
Das nördliche Alpenvorland ist eine kleinstrukturelle Region. Zwischen der intensiv landwirtschaftlich genutzten Traun-Enns-Platte (an deren Norden die Donau anschließt) und den nördlichen Kalkalpen gibt es einen schmalen Streifen Flysch, der in kleinen Hügeln den Übergang markiert. Hier gibt es noch viele Obstbäume (die Rodungsprämien waren nur dort interessant, wo größere Felder gewonnen werden konnten) und in den tief eingeschnittenen Gräben konnte die Weichholz-Gemeinschaft der heimischen Auen überleben und mit ihnen sämtliche Arten. Der Wald ist zahlreich und ausschließlich Nutzwald, in flacheren Bereichen dominiert (noch immer) angelegter Fichtenwald, in steileren Bereichen der Mischwald mit hauptsächlich Buche.
Spannend wird es am Übergang zu Kalkuntergrund - genau am Verschneidungspunkt lebe ich -, denn dort treffen die feuchtigkeitsliebenden Arten auf Kalkmagerrasen, oft nur wenige Meter voneinander entfernt.
Genau da setzt die Arbeit unseres Vereins an: Wir mähen eine Handvoll dieser Wiesen, die sonst der Aufforstung oder der konventionellen Grünlandwirtschaft (mehrschürige Wiesen, oft ausschließlich Silagegewinnung mit erster Mahd Ende April) zum Opfer gefallen wären und erhalten dadurch Pflanzen, die an sonnige, nährstoffarme Flächen gebunden sind.
Diese Arten - auf "unseren" Wiesen sind etwa 30 Orchideenarten und viele andere Pflanzen nachgewiesen - sind natürlich heimisch und, weswegen ich das alles erzähle: Sie sind erstaunlich zäh. Entscheidend ist offenbar, dass eine bestimmte Anzahl an Pflanzen noch vorhanden ist (an Wegrändern, an Waldrändern, unter Böschungen) und Düngung und Verschattung entgeht. Dann ist es möglich, dass neue Areale wie Straßenböschungen innerhalb weniger Jahre besiedelt werden und höheren Artenreichtum aufweisen als die Wiese rundherum, wo mehrmals im Jahr Gülle aufgetragen wird.
Diese - nun menschlichen - Eingriffe sind wohl in ihren Auswirkungen mit den Effekten von Sturmschäden oder ähnlichen Ereignissen in der Vergangenheit vergleichbar. Damals gab es wohl wenig offene Flächen (hier zwar mehr, weil an einzelnen Kalkschuppen, die aufragen, Bewuchs nicht immer möglich war), aber sie reichten aus, um genug Pflanzen überleben zu lassen, damit sie neue Standorte besiedeln konnten. Diese waren aber nicht lange von Bestand und die Pflanzen "zogen" weiter (also nicht sie persönlich, ihre Samen).
Mit den Menschen kam es hier seit dem Mittelalter (grob) zu Siedlungs- und Landgewinnungstätigkeiten, wodurch sich diese Arten plötzlich im Paradies wiederfanden: Almen, Bergmähder und auch im Tal Magerwiesen - Mist gab es kaum, denn die Tiere wurden nur im Winter drinnen gehalten und trugen zur Abmagerung von Hängen bei, indem sie dort alles wegfutterten und nur auf ihren Ruheplätzen - aus Gründen der Erdanziehung immer in der Ebene im Tal oder in den Hügeln auf begrenzten Bereichen - für Dünger sorgten.
Das und die Rodungstätigkeit der Menschen, die aber im Steilen stoppte, sodass genug Wald erhalten blieb, trug zusammen mit Höhenlagen von 1500m Seehöhe in wenigen Kilometern Entfernung und einer Aulandschaft im Tal zu einer Vielfalt an Lebensräumen bei, die eine Artendichte möglich machten, die zwar in Ansätzen vorhanden, aber zuvor - "von Natur aus" - nie mit solcher Individuenanzahl zustande gekommen wäre.
Seit den 50er-Jahren hat sich dieser Trend wieder umgekehrt. Landmaschinen kamen auf, Tiere wurden ganzjährig in Ställe gepfercht, es konnten viel mehr gehalten werden und ihr Dung, der dadurch in Übermenge anfiel, konnte auch auf den Wiesen ausgebracht werden, die innerhalb eines halben Jahrzehnts ihre Vielfalt verloren. Anfangs überlebten die betroffenen Arten noch an den Feldrainen, aber mit dem Beginn der Nebenerwerbslandwirtschaft und dem Wunsch nach einfacher Bearbeitung wurden maschinell nicht nutzbare Flächen, besonders in Hanglage, die ja eben besonders viel Magerwiesen aufwies, radikal aufgeforstet.
Ich habe dazu alte Aufnahmen ausgeforscht und aktuelle Vergleichsbilder angefertigt; der Unterschied ist eklatant und mich wundert, dass überhaupt noch alle Arten vorhanden sind. Das sind sie übrigens, denn ich habe für ein Buch unseres Vereins einen alten Text aus den 30er-Jahren, in dem eine Lehrerin aus dem Nachbarort die heimische Botanik sehr akribisch in aller Vielfalt dokumentiert hat, Absatz für Absatz mit der aktuellen Lage verglichen. Die Mengenverhältnisse stimmen nicht mehr, aber da ist noch alles.
Würden wir nun die Wiesen alle zuwachsen lassen und einfach Wald entstehen lassen, dann wäre verloren, was wir vor etwa 1000 Jahren möglich gemacht haben. Das wäre für die Natur früher kein Problem gewesen, aber heute gibt es Straßen, Siedlungen, keine Möglichkeit für Windwurf, der Lichtungen schafft. Ich bezweifle, dass genug Orchideen (um beim Beispiel zu bleiben) überleben würden, um vielleicht entstehende Habitate zu besiedeln. Orchis militaris hat es zwar von einer unserer Wiesen auf ein 2km entferntes, passendes Stück geschafft (vorher nichts, jetzt drei blühende Pflanzen), aber dazu müssten in regelmäßigen Abständen passende Wiesen exisiteren.
Wir erhalten daher lieber ein paar Wiesen, mähen und heuen per Hand und freuen uns, wenn es summt und blüht. Das ist keine unberührte Natur, aber eine, die vielen Lebewesen etwas nützt und einen letzten Rest eines riesigen Ökosystems erhält, das vierlorts schon verschwunden ist und nicht mehr aktiviert werden kann (eine an unsere Wiesen angrenzende Grünlandfläche konnte aufgekauft und zu unserer Wiese hinzugefügt werden. Obwohl direkt anschließend, erschien die erste Orchidee - Orchis mascula - erst 19 Jahre nach der letzten Düngung).
OT: Sorry, ziemlich lang die Story...