Willkommen, Gast. Bitte loggen sie sich ein oder registrieren sie sich.
News: "Das Leben ist kein Ponyschlecken"  (Zwiebeltom)
Willkommen, Gast. Bitte loggen sie sich ein oder registrieren sie sich.
01. Juli 2021, 09:34:05
Erweiterte Suche  
News: "Das Leben ist kein Ponyschlecken"  (Zwiebeltom)

Neuigkeiten:

|28|4|Warum muss eigentlich alles immer einen "Zweck" haben? (potz)

Seiten: 1 ... 9 10 [11] 12 13 ... 49   nach unten

Autor Thema: Wieviel naturnah ist menschenfern?  (Gelesen 49738 mal)

Mediterraneus

  • Master Member
  • *****
  • Offline Offline
  • Beiträge: 23580
  • Spessart: Wald, Main und Wein (310m ü.NN/7a)
Re:Wieviel naturnah ist menschenfern?
« Antwort #150 am: 22. November 2013, 11:22:16 »

Im Spessart gibt es ein Holzrecht für einige Gemeinden. Da der Wald ja ein Wirtschaftswald ist, finde ich das nicht schlimm, wenn man mit kleinem Traktor in den Wald fährt und ein paar Ster Holz macht.
Nachwachsender Rohstoff wird direkt vor Ort entnommen und genutzt. Gleichzeitig wird wieder aufgeforstet. Das lief Jahrhunderte so. Und erzeugte die Landschaft so, wie man sie heute sehen kann.

Im reinen Naturschutzgebiet geht das nicht mehr, da bekommt man alles verboten.

Ich kann die Leute schon verstehen, wenn diese Möglichkeiten genommen werden.
Gespeichert
LG aus dem südlichen Main-Viereck
Mediterraneus

Andere haben schließlich auch irgendeine Ahnung

Mediterraneus

  • Master Member
  • *****
  • Offline Offline
  • Beiträge: 23580
  • Spessart: Wald, Main und Wein (310m ü.NN/7a)
Re:Wieviel naturnah ist menschenfern?
« Antwort #151 am: 22. November 2013, 11:26:52 »

Dann gibt es die, die von der bisherigen Nutzung profitieren. Dass die in der Regel dagegen sind, ist verständlich, aber letztlich nicht entscheidungsrelevant.

Mal angenommen, man will die Lüneburger Heide sich selbst überlassen und verwalden lassen. Das wäre schließlich die ursprüngliche Natur. So ein Wald würde da gut hinpassen. Und überhaupt, das ganze Rosa und so. Wer will das schon.

Von der bisherigen Nutzung profitieren nur die Bienen und ein paar seltene Vögel. Und Touristen, die auf Rosa stehen.

Und das wird dann noch von einer Naturschutzorganisation aus sagenwirmal Berlin bestimmt.

Ob da jemand Einheimisches dagegen sein wird? ;)
« Letzte Änderung: 22. November 2013, 11:29:09 von Mediterraneus »
Gespeichert
LG aus dem südlichen Main-Viereck
Mediterraneus

Andere haben schließlich auch irgendeine Ahnung

enigma

  • Gast
Re:Wieviel naturnah ist menschenfern?
« Antwort #152 am: 22. November 2013, 11:34:17 »

Im Spessart gibt es ein Holzrecht für einige Gemeinden. Da der Wald ja ein Wirtschaftswald ist, finde ich das nicht schlimm, wenn man mit kleinem Traktor in den Wald fährt und ein paar Ster Holz macht.
Nachwachsender Rohstoff wird direkt vor Ort entnommen und genutzt. Gleichzeitig wird wieder aufgeforstet. Das lief Jahrhunderte so. Und erzeugte die Landschaft so, wie man sie heute sehen kann.

Im reinen Naturschutzgebiet geht das nicht mehr, da bekommt man alles verboten.

Ich kann die Leute schon verstehen, wenn diese Möglichkeiten genommen werden.



Hier hat gerade in einem Nachbarort der für die Gemeinde zuständige Revierförster darauf hingewiesen, dass der Haushaltsansatz eine viel zu hohe Holzentnahme aus dem gemeindeeigenen Wald vorsieht: 7000 fm statt höchstens 5000 fm im nächsten Jahr.

Der Gemeinderat wollte sich zunächst komplett darüber hinwegsetzen, mit dem Argument: In harten Zeiten muss man eben das Sparkässchen plündern" (wörtlich!), nach langer Debatte sind sie zu dem Schluss gekommen, dass 5500 fm sicherlich eine nachhaltige Nutzung wäre.

Da finde ich es schon sinnvoll, wenn durch Naturschutzmaßnahmen solchen Gedanken ein Riegel vorgeschoben wird.
Gespeichert

Mediterraneus

  • Master Member
  • *****
  • Offline Offline
  • Beiträge: 23580
  • Spessart: Wald, Main und Wein (310m ü.NN/7a)
Re:Wieviel naturnah ist menschenfern?
« Antwort #153 am: 22. November 2013, 11:41:28 »

Hier holt der Bauer mit seinem 20 PS Güldner Holz aus dem Staatswald. Da bekommt er schon nur die Kronen und minderwertiges Holz zugeteilt. Bezahlt wird beim Förster.

Das soll zurückgefahren werden, denn der Güldner und der Gummistiefel des Einheimischen verdichten den Boden.

Gleichzeitig wirtschaftet der Freistaat Bayern im gleichen Wald nachhaltig und naturnah. Mondlandschaftartige Lichtungen entstehen, die Harvester hinterlassen Spuren, in denen der Güldner auf nimmerwiedersehen verschwindet. Das ist dann keine Bodenverdichtung. Das ist in meinen Augen auch keine Kulturlandschaft mehr. Das Holz geht übrigens als Hackschnitzel nach Österreich, für nachhaltiges Heizen :P

Trotzdem halte ich eine maßvolle Bewirtschaftung (was nicht mehr so ganz stattfindet) für unseren Wald durchaus für sinnvoll. Der gegenwärtige Lebensraum bestätigt das. Die Forstverwaltung kümmert sich gottseidank auch um andere Bereich, Vogelkästen, Totholz wird liegengelassen und andere Kleinigkeiten. Es gäbe aber noch mehr zu machen.
Es gibt auch kleine Inseln mit Naturschutzgebieten, wo nichts bewirtschaftet wird. Oder wenig, die Wege werden trotzdem erhalten.
« Letzte Änderung: 22. November 2013, 11:48:30 von Mediterraneus »
Gespeichert
LG aus dem südlichen Main-Viereck
Mediterraneus

Andere haben schließlich auch irgendeine Ahnung

enigma

  • Gast
Re:Wieviel naturnah ist menschenfern?
« Antwort #154 am: 22. November 2013, 11:55:45 »

Na, das wäre doch erst recht ein Grund, einen Nationalpark zu wünschen, in dem die großforstliche Nutzung unterbleibt und zugleich die Entnahme von Holz in Kleinmengen auf die beschriebene Weise bleibt und mit entsprechenden Mengenbegrenzungen festgeschrieben wird.
So wie man in einem Naturpark auf Wandern darf, muss ja nicht jede Nutzung untersagt werden.
Gespeichert

pearl

  • Master Member
  • *****
  • Offline Offline
  • Beiträge: 37617
  • Weinbauklima im Neckartal
    • TEDxEuston
Re:Wieviel naturnah ist menschenfern?
« Antwort #155 am: 22. November 2013, 12:09:44 »

da passt jetzt das Stichwort Bannwald. Hier an den Hängen der Flusstäler gibt es den um das Abrutschen des mürben verwitternden Rotsandsteins zu verhindern und die flüssigen Verkehrswege frei zu halten.

In meinem ehemaligen Lieblingswaldstück unterhalb der mittelalterlichen Ringmauer um den Dilsberg wuchs ein Kiefernwald bis an die Feste heran. Aus welchen Gründen auch immer wurde dann im Neckartal jede Burgruine von Gehölzen freigeschnitten. Wahrscheinlich so, dass der Tourist, der mit einem Vergnügungsdampfer den Neckar hochschippert, einen besseren Blick auf die Mauern hat.

Das war für mich im ersten Augenblick überaus enttäuschend. In Zeiten meines kommunalpolitischen Naturschutzengagements kannte ich die Forderung der Stadtverordneten der CDU auf diese Weise die touristische Attraktivität und damit die wirtschaftliche Wertschöpfung der Zwergstädte zu erhöhen. Grauenhaft!
Gespeichert

Landpomeranze †

  • Master Member
  • *****
  • Offline Offline
  • Beiträge: 1800
  • Grüße aus dem Wienerwald
Re:Wieviel naturnah ist menschenfern?
« Antwort #156 am: 22. November 2013, 12:29:16 »

Ich gebe mediterraneus recht, wenn er eine artenreiche Kulturlandschaft dem bloßen "Laufenlassen" vorzieht. Nur muss man in denen auch dafür sorgen, dass mäßige Nutzungsintensitäten aufrecht erhalten oder wieder hergestellt werden.

Das wird im Wienerwald, einem ca. 100.000 Hektar großen Gebiet rund um Wien, versucht. Das Gebiet ist mehr oder weniger dicht besiedelt (in meiner Gegend im Südwesten eher weniger), es gibt ziemliche Restriktionen bei zB Wald- und Wiesenwirtschaft oder Bebauung, aber die (Kultur-)Landschaft soll erhalten werden. Nur wenige Kernzonen, vor allem Waldgebiete, werden sich selbst überlassen, der größte Teil nach wie vor bewirtschaftet.
Die Bauern bekommen Ausgleichszahlungen bzw Förderungen und wirken nicht unzufrieden mit der Situation.

Gespeichert

Amur

  • Master Member
  • *****
  • Offline Offline
  • Beiträge: 7596
Re:Wieviel naturnah ist menschenfern?
« Antwort #157 am: 22. November 2013, 12:38:48 »

...
Hier hat gerade in einem Nachbarort der für die Gemeinde zuständige Revierförster darauf hingewiesen, dass der Haushaltsansatz eine viel zu hohe Holzentnahme aus dem gemeindeeigenen Wald vorsieht: 7000 fm statt höchstens 5000 fm im nächsten Jahr.

Der Gemeinderat wollte sich zunächst komplett darüber hinwegsetzen, mit dem Argument: In harten Zeiten muss man eben das Sparkässchen plündern" (wörtlich!), nach langer Debatte sind sie zu dem Schluss gekommen, dass 5500 fm sicherlich eine nachhaltige Nutzung wäre.

Da finde ich es schon sinnvoll, wenn durch Naturschutzmaßnahmen solchen Gedanken ein Riegel vorgeschoben wird.

Nur wird da oft der Riegel, vor allem für Kleinabnehmer, ganz zu gemacht.
Deshalb kann ich die Ablehnung mehr als verstehen.
Für jeden kleinen Mist brauchts zusätzlich Genehmigung und Gutachten.
Wenn der Gemeindewald die vorigen Jahre das Kontingent nicht voll ausgenutzt hatte dann würde nix dagegen sprechen mal ein ganzes Stück mehr zu entnehmen. Regeln tut das übrigens schon das Waldgesetz. Da brauchts keinen Naturschutz dazu.
 

Medi, das Problem mit den Güldnern (wie auch mit den neumodischen Quads) ist weniger die Verdichtung, als das Problem dass die plötzlich überall rumfahren wenn der Förster nicht daneben steht. Und da nach den Zertifizierungsregeln (und fast jeder größere Wald ist zertifiziert) nur auf den Rückegassen mit Fahrzeugen gefahren werden darf, kann der Forstbetrieb durch den kleinen "leichten" Güldner Probleme bekommen.
Und auch dessen Spuren sind noch Jahre zu erkennen, ausser der Boden war vorher schon total verdichtet oder er ist nur auf gefrorenem Boden gefahren.
« Letzte Änderung: 22. November 2013, 12:43:09 von Amur »
Gespeichert
nördlichstes Oberschwaben, Illertal, Raum Ulm

Mediterraneus

  • Master Member
  • *****
  • Offline Offline
  • Beiträge: 23580
  • Spessart: Wald, Main und Wein (310m ü.NN/7a)
Re:Wieviel naturnah ist menschenfern?
« Antwort #158 am: 22. November 2013, 13:01:12 »

Es darf eh nur in den Wald fahren, wer dort ein Los hat. Sonst ist nur forstwirtschaftliches zugelassen. Und es ist eh alles steil, der Güldner kommt da gar nicht zurande. Der Güldner fährt möglichst nah hin, meist auf einem befestigten Weg und dann trägt der Mensch das Holz zum Traktor. Das ist noch schonender als ein Kaltblutrückepferd. Und solange das in so kleinem Maßstab läuft, ist das in meinen Augen auch sehr verträglich.
Und wenn das Holz vor Ort im Kachelofen verbrannt wird ist immer noch besser als in Österreich als Hackschnitzel.

Problem ist eher, dass man die "Kleinen" nicht mehr in "seinem" Wald haben will, weil man erkennt, dass mit Holz momentan große Geschäfte zu machen sind.

Nationalparks werden überbürokratisch verwaltet. Da braucht man für alles Genehmigungen, welche irgendwelche störrischen Bürogestalten ausstellen. Sowas finde ich ok, wenn es fern jeglicher Nutzung eingeführt wird. Bayerischer Wald z.b. Aber unterm Strich ist bei uns halt einfach zu wenig Platz für Wolf, Elch und Co.
Unsere Stärken sind die kleinen Landschaften auf relativ enger Fläche mit kleinerem, nicht minderwertvollem Getier.
« Letzte Änderung: 22. November 2013, 13:04:54 von Mediterraneus »
Gespeichert
LG aus dem südlichen Main-Viereck
Mediterraneus

Andere haben schließlich auch irgendeine Ahnung

martina 2

  • Master Member
  • *****
  • Offline Offline
  • Beiträge: 10922
  • Ich liebe dieses Forum!
Re:Wieviel naturnah ist menschenfern?
« Antwort #159 am: 22. November 2013, 17:19:06 »

Was Moore betrifft: Es gibt in Deutschland praktisch kein Moor mehr, das nicht irgendwann mal teilentwässert und oberflächlich abgetorft wurde. Immerhin wird seit Jahren versucht, zumindest bei einigen Moore zu retten, was noch zu retten ist. Allerdings ist der Eintrag von Stickstoffverbindungen aus der Luft - trotz deutlich verbesserter Luftqualität - immer noch so hoch, dass er die Moorvegetation nachhaltig beeinflusst.

Ein Artikel zur Bedrohung des Tanner Moors in OÖ,
in dem bis heute weder abgeholzt noch Torf gestochen worden ist.
Gespeichert
Schöne Grüße aus Wien!

Katrin

  • Master Member
  • *****
  • Offline Offline
  • Beiträge: 10483
  • The best way to have a friend is to be one!
    • Geraniumhomepage, Gartenfotos und (neu!) Garten-Blog
Re:Wieviel naturnah ist menschenfern?
« Antwort #160 am: 22. November 2013, 19:57:53 »

Ein Artikel vom ÖKO-L! Das ist ja toll, der frühere Schriftsetzer ist der Obmann unseres Landschaftspflegevereins. Das ist auch der Grund, warum ich mich mit dem Thema - im kleinen Rahmen der regionalen Kulturlandschaft - auseinandersetze.

Das nördliche Alpenvorland ist eine kleinstrukturelle Region. Zwischen der intensiv landwirtschaftlich genutzten Traun-Enns-Platte (an deren Norden die Donau anschließt) und den nördlichen Kalkalpen gibt es einen schmalen Streifen Flysch, der in kleinen Hügeln den Übergang markiert. Hier gibt es noch viele Obstbäume (die Rodungsprämien waren nur dort interessant, wo größere Felder gewonnen werden konnten) und in den tief eingeschnittenen Gräben konnte die Weichholz-Gemeinschaft der heimischen Auen überleben und mit ihnen sämtliche Arten. Der Wald ist zahlreich und ausschließlich Nutzwald, in flacheren Bereichen dominiert (noch immer) angelegter Fichtenwald, in steileren Bereichen der Mischwald mit hauptsächlich Buche.

Spannend wird es am Übergang zu Kalkuntergrund - genau am Verschneidungspunkt lebe ich -, denn dort treffen die feuchtigkeitsliebenden Arten auf Kalkmagerrasen, oft nur wenige Meter voneinander entfernt.

Genau da setzt die Arbeit unseres Vereins an: Wir mähen eine Handvoll dieser Wiesen, die sonst der Aufforstung oder der konventionellen Grünlandwirtschaft (mehrschürige Wiesen, oft ausschließlich Silagegewinnung mit erster Mahd Ende April) zum Opfer gefallen wären und erhalten dadurch Pflanzen, die an sonnige, nährstoffarme Flächen gebunden sind.

Diese Arten - auf "unseren" Wiesen sind etwa 30 Orchideenarten und viele andere Pflanzen nachgewiesen - sind natürlich heimisch und, weswegen ich das alles erzähle: Sie sind erstaunlich zäh. Entscheidend ist offenbar, dass eine bestimmte Anzahl an Pflanzen noch vorhanden ist (an Wegrändern, an Waldrändern, unter Böschungen) und Düngung und Verschattung entgeht. Dann ist es möglich, dass neue Areale wie Straßenböschungen innerhalb weniger Jahre besiedelt werden und höheren Artenreichtum aufweisen als die Wiese rundherum, wo mehrmals im Jahr Gülle aufgetragen wird.

Diese - nun menschlichen - Eingriffe sind wohl in ihren Auswirkungen mit den Effekten von Sturmschäden oder ähnlichen Ereignissen in der Vergangenheit vergleichbar. Damals gab es wohl wenig offene Flächen (hier zwar mehr, weil an einzelnen Kalkschuppen, die aufragen, Bewuchs nicht immer möglich war), aber sie reichten aus, um genug Pflanzen überleben zu lassen, damit sie neue Standorte besiedeln konnten. Diese waren aber nicht lange von Bestand und die Pflanzen "zogen" weiter (also nicht sie persönlich, ihre Samen).

Mit den Menschen kam es hier seit dem Mittelalter (grob) zu Siedlungs- und Landgewinnungstätigkeiten, wodurch sich diese Arten plötzlich im Paradies wiederfanden: Almen, Bergmähder und auch im Tal Magerwiesen - Mist gab es kaum, denn die Tiere wurden nur im Winter drinnen gehalten und trugen zur Abmagerung von Hängen bei, indem sie dort alles wegfutterten und nur auf ihren Ruheplätzen - aus Gründen der Erdanziehung immer in der Ebene im Tal oder in den Hügeln auf begrenzten Bereichen - für Dünger sorgten.

Das und die Rodungstätigkeit der Menschen, die aber im Steilen stoppte, sodass genug Wald erhalten blieb, trug zusammen mit Höhenlagen von 1500m Seehöhe in wenigen Kilometern Entfernung und einer Aulandschaft im Tal zu einer Vielfalt an Lebensräumen bei, die eine Artendichte möglich machten, die zwar in Ansätzen vorhanden, aber zuvor - "von Natur aus" - nie mit solcher Individuenanzahl zustande gekommen wäre.

Seit den 50er-Jahren hat sich dieser Trend wieder umgekehrt. Landmaschinen kamen auf, Tiere wurden ganzjährig in Ställe gepfercht, es konnten viel mehr gehalten werden und ihr Dung, der dadurch in Übermenge anfiel, konnte auch auf den Wiesen ausgebracht werden, die innerhalb eines halben Jahrzehnts ihre Vielfalt verloren. Anfangs überlebten die betroffenen Arten noch an den Feldrainen, aber mit dem Beginn der Nebenerwerbslandwirtschaft und dem Wunsch nach einfacher Bearbeitung wurden maschinell nicht nutzbare Flächen, besonders in Hanglage, die ja eben besonders viel Magerwiesen aufwies, radikal aufgeforstet.

Ich habe dazu alte Aufnahmen ausgeforscht und aktuelle Vergleichsbilder angefertigt; der Unterschied ist eklatant und mich wundert, dass überhaupt noch alle Arten vorhanden sind. Das sind sie übrigens, denn ich habe für ein Buch unseres Vereins einen alten Text aus den 30er-Jahren, in dem eine Lehrerin aus dem Nachbarort die heimische Botanik sehr akribisch in aller Vielfalt dokumentiert hat, Absatz für Absatz mit der aktuellen Lage verglichen. Die Mengenverhältnisse stimmen nicht mehr, aber da ist noch alles.

Würden wir nun die Wiesen alle zuwachsen lassen und einfach Wald entstehen lassen, dann wäre verloren, was wir vor etwa 1000 Jahren möglich gemacht haben. Das wäre für die Natur früher kein Problem gewesen, aber heute gibt es Straßen, Siedlungen, keine Möglichkeit für Windwurf, der Lichtungen schafft. Ich bezweifle, dass genug Orchideen (um beim Beispiel zu bleiben) überleben würden, um vielleicht entstehende Habitate zu besiedeln. Orchis militaris hat es zwar von einer unserer Wiesen auf ein 2km entferntes, passendes Stück geschafft (vorher nichts, jetzt drei blühende Pflanzen), aber dazu müssten in regelmäßigen Abständen passende Wiesen exisiteren.

Wir erhalten daher lieber ein paar Wiesen, mähen und heuen per Hand und freuen uns, wenn es summt und blüht. Das ist keine unberührte Natur, aber eine, die vielen Lebewesen etwas nützt und einen letzten Rest eines riesigen Ökosystems erhält, das vierlorts schon verschwunden ist und nicht mehr aktiviert werden kann (eine an unsere Wiesen angrenzende Grünlandfläche konnte aufgekauft und zu unserer Wiese hinzugefügt werden. Obwohl direkt anschließend, erschien die erste Orchidee - Orchis mascula - erst 19 Jahre nach der letzten Düngung).

OT: Sorry, ziemlich lang die Story...
« Letzte Änderung: 22. November 2013, 20:01:22 von Katrin »
Gespeichert
"Ich glaube, viele von uns haben ihre Heimat längst verloren, denn sie haben sie in der Kindheit gelassen, in den staubigen Straßen und an den sonnigen Tagen, als die Welt noch gut war, weil wir nur die Fassade sahen und zu klein waren, die Türen zu öffnen."

ich

pearl

  • Master Member
  • *****
  • Offline Offline
  • Beiträge: 37617
  • Weinbauklima im Neckartal
    • TEDxEuston
Re:Wieviel naturnah ist menschenfern?
« Antwort #161 am: 22. November 2013, 20:17:19 »

nix sorry! Find ich gut, dass du das so schilderst! :D
Gespeichert

Staudo

  • Master Member
  • *****
  • Online Online
  • Beiträge: 33892
    • mein Park
Re:Wieviel naturnah ist menschenfern?
« Antwort #162 am: 22. November 2013, 20:20:14 »

Prima!
Gespeichert
Rasen macht Männer glücklich. Die einen brauchen dazu einen Porsche, den anderen reicht ein Mäher.

lerchenzorn

  • Master Member
  • *****
  • Online Online
  • Beiträge: 14075
  • Berliner Umland Klimazone 7a (wohl eher 6b)
Re:Wieviel naturnah ist menschenfern?
« Antwort #163 am: 22. November 2013, 20:21:32 »

Ich finde es sehr gut, dass Ihr das macht. Wenn es keiner macht, ist irgendwann eben doch Schluss mit der einen oder anderen Schönheit. Besonders schön finde ich, dass Euch sogar positive Entwicklungen gelungen sind, nicht "nur" das Erhalten. Dazu braucht es tatsächlich viel Geduld.


...
Und das wird dann noch von einer Naturschutzorganisation aus sagenwirmal Berlin bestimmt.
Ob da jemand Einheimisches dagegen sein wird? ;) ...

@medi: Mit denen hast Du´s aber wirklich, denen in Berlin, was? ;D
Ich kenn da eine Naturschutzorganisation, mitten aus Berlin, die fährt seit 50 Jahren im Umland herum, pflegt und umsorgt eine Unzahl von Pflanzenstätten, weil sie einfach dem Verrecken und Verrotten nicht tatenlos zusehen kann. Eine echte 1-Mann-Organisation, die sich manchmal etewas Hilfe dazu holt, auf deren Konto inzwischen das brandenburgweite Überleben mancher Pflanzenart zu buchen ist.

Na gut, heute lebt die Kraft nicht mehr in Berlin. War aber ewig so ein Städter. Den Einheimischen gleich neben den umsorgten Stellen waren diese Reichtümer zu 99 % so was von schnurz.
« Letzte Änderung: 22. November 2013, 20:22:46 von lerchenzorn »
Gespeichert

Katrin

  • Master Member
  • *****
  • Offline Offline
  • Beiträge: 10483
  • The best way to have a friend is to be one!
    • Geraniumhomepage, Gartenfotos und (neu!) Garten-Blog
Re:Wieviel naturnah ist menschenfern?
« Antwort #164 am: 22. November 2013, 20:27:47 »

Das ist auch hier ein Problem und bessert sich erst nach etlichen Jahren mit Führungen, Informationsveranstaltungen, Zeitungsartikeln, Feiern... manche kapieren nicht so wirklich, dass das, was hier noch vorkommt, eben nicht selbstverständlich ist.

Aber im Kontext der Diskussion gesehen, arbeiten wir nicht naturnah. Wir konservieren eine sehr extreme Naturlandschaft, nämlich Freiflächen inmitten einer durch und durch verwaldeten Region. So what? Gut, schlecht,, egal, nur fürs Gewissen? Ich weiß es selbst nicht.

Im nahen Nationalpark Kalkalpen überlassen sie den Wald sich selbst (inklusive nicht endenwollende Diskussionen mit Privatwaldbesitzern in den Grenzwäldern im Zusammenhang mit Borkenkäferbefällen), nicht aber die Alm- und Bergwiesenflächen. Die werden auch gemäht oder gezielt mit Schafen beweidet (zwecks des Abmagerungseffekts).
Gespeichert
"Ich glaube, viele von uns haben ihre Heimat längst verloren, denn sie haben sie in der Kindheit gelassen, in den staubigen Straßen und an den sonnigen Tagen, als die Welt noch gut war, weil wir nur die Fassade sahen und zu klein waren, die Türen zu öffnen."

ich
Seiten: 1 ... 9 10 [11] 12 13 ... 49   nach oben
 

Garten-pur.de Nutzungsbedingungen | Impressum | Datenschutzerklärung

Forum Garten-pur | Powered by SMF, Simple Machines
© 2001-2015 garten-pur. All Rights Reserved.
Garten-pur.de