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News: "Das Leben ist kein Ponyschlecken"  (Zwiebeltom)
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News: "Das Leben ist kein Ponyschlecken"  (Zwiebeltom)

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Autor Thema: Wieviel naturnah ist menschenfern?  (Gelesen 49738 mal)

raiSCH

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Re:Wieviel naturnah ist menschenfern?
« Antwort #90 am: 20. November 2013, 22:58:31 »

Ich finde die Diskussion hier eine der intensivsten und niveauvollsten der letzten Zeit.
"Naturlandschafenten" haben wir hier in Mitteleuropa nur ganz wenige, wie (verbliebene) Moore, das Wattenmeeer oder das Hochgebirge, die unbedingt zu erhalten sind. Genauso schützenswert simmd die von Mediterraneus mehrfach erwähnten Kulturlandschaften, die es ohne den Menschen nichrt gäbe und die erst eine neue Artenvielfaöt in Flora und Fauna ermöglicht haben - ich erwähne nur die Weinberge oder die Almen (ihr Pendant in den Mittelgebirgen, die "Schachten", sind leider weitgehend untergegagen). Ich finde hier leinen Gegensatz, sondern nur ein Miteinander - industrielle Landwirtschaft betrachte ich nicht als Kulturgut.
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pearl

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Re:Wieviel naturnah ist menschenfern?
« Antwort #91 am: 21. November 2013, 02:53:24 »

wunderbar!

Das Thema hat mich angeregt nach den Pflanzenspuren zu suchen, die ich verlinkt hatte und die habe ich ausgeliehen, wie ich merkte. Schnell habe ich mir ein neues Exemplar bestellt, heute war es da. PflanzenSpuren Archäobotanik im Rheinland: Agrarlandschaft und Nutzpflanzen im Wandle der Zeiten.

Für unsere user, die im Vorgebirge gärtnern, sicher ein sehr interessants und preiswertes Vergnügen, denn die Bilder von den einzelnen Stadien sind aufschlussreich.

Die Archäobotanische Methode wird flugs erklärt und man kommt gleich zu den Pollendiagrammen.

12.000 Jahre BP = before present gab es einen überwältgenden Anteil Birkenpollen

10.000 Jahre BP war die Kiefer über einen Zeitraum von 3.000 Jahren dominierend

10.000 Jahre BP bis heute ist die Hasel mehr oder weniger präsent

8.000 Jahre lang rückt die Eiche immer mehr vor bis sie in den letzten Jahrhunderten einer starken Schwankung unterliegt

9.000 bis 4.000 BP ist die Ulme stark

8.000 BP bis 3.000 BP die Linde, die die jungsteinzeitlichen Ackerbauern antrafen, als sie über den Weg

Fruchtbarer Halbmond - Anatolien - Griechenland - Balkan - Ungarn - Donau

zum Rhein vorstießen und die fruchtbaren Täler der großen Flüsse besiedelten. Zu dieser Zeit kaum Nicht-Gehölz-Pollen. Vor allem Adlerfarn und Spitzwegerich.

Erst in der Eisenzeit treten größere Mengen an Getreidepollen auf und die Baumpollen sind auf 2/3 reduziert. Holz für Kohlenmeiler wird geschlagen.

Hohe Getreidepollenanteile treten in römischer Zeit auf.

In nachrömischer Zeit rückte die Buche vor, die Villae rusticae verfielen.

Im 10. und 11. Jahrhundert besiedeln Klostergemeinschaften Deutschland. Die Benediktiner dehnen die Landwirtschaft über die flussnahen Niederlassungen hinaus bis in die Gebirgstäler aus und schaffen Siedlungsraum auch im Bergland.

Im Mittelalter schrumpft der Baumpollenanteil auf nur noch 1/3.

Ab 1400 sinken die Getreidewerte wieder und Eichen, Hasel und Birken besiedeln die ausgelaugten Böden der Wüstungen. Überbevölkerung ist ein Problem.
« Letzte Änderung: 21. November 2013, 02:53:40 von pearl »
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lerchenzorn

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Re:Wieviel naturnah ist menschenfern?
« Antwort #92 am: 21. November 2013, 07:04:52 »

...
Wälder sind nach meiner Beobachtung hier artenreicher und "naturnaher" geworden, seit sie nicht mehr nach kurzfristigem Ertragsdenken bewirtschaftet werden.

Das ist in unserer Region nur teilweise zu sehen, eher selten. Zwar wird stellenweise schonender in den Baumbestand eingegriffen und es bleibt mehr Totholz liegen. Lichte Strukturen, Rohbodenanteile, wärmegetönte Bereiche aber schwinden in nahezu 100 % der Wald-/Forstflächen. Eine landwirtschaftliche, extensive Nebennutzung - vor allem durch Waldweide, zum geringeren Teil durch Streunutzung - wäre möglich, ohne Wald-Verrjüngung und Standortqualitäten zu gefährden und würde die "natürliche" Artenausstattung der Waldgebiete vermutlich sehr gut fördern. Der Weg dahin ist aber von zwei Seiten zugenagelt. Kaum ein Förster möchte den zusätzlichen Management-Aufwand haben und landwirtschaftliche Fördermittel werden in Waldflächen strikt verweigert.

Sich dauerhaft und auf ganzer Fläche aufhäufende Streuschichten und Humus-Decken in Wäldern betrachte ich übrigens nicht als Zeichen von Naturnähe.
Partisanengärtner hat eine entscheidende Frage gestellt:
Mich würde schon interessieren wie nah ein extensiver Hutewald am "natürlichen" Zustand ohne den Menschen wäre zumindest stellenweise.

Wenn ich Untersuchungen über "Urwald"-Insekten aus unserer Region lese, dann kommen die sehr oft aus den letzten, jetzt zunehmend verschattenden Hutewäldern. Die Insekten-Arten dort haben die so genannten Devastierungen nicht nur gut überstanden, sondern offenbar von dem abwechslungsreichen Standortmosaik profitiert. Entscheidend war nicht, dass eine ganze Waldfläche über Jahrhunderte unangetastet bleibt, sondern dass einzelne Gehölze in ausreichender Dichte und Menge ein sehr hohes Alter erreichen und vielfältige Lebensphasen entfalten durften, einschließlich großer Totholzanteile.

Ich glaube, dass die historischen Weidemosaike in ihren Strukturen, Prozessen und Artengemeinschaften einer vom Menschen wenig beeinflussten "Naturlandschaft" sehr nahe geblieben waren. (Es gab immer nur sehr verschiedene Naturlandschaften, wie pearl gerade gezeigt hat. Dass darin die Buche spät kam und heute sehr mächtig wäre, schließt nicht aus, dass sie ebenso mächtige Gegenspieler gefunden hätte.)
« Letzte Änderung: 21. November 2013, 07:22:30 von lerchenzorn »
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lerchenzorn

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Re:Wieviel naturnah ist menschenfern?
« Antwort #93 am: 21. November 2013, 07:31:41 »

Ich finde die Diskussion hier eine der intensivsten und niveauvollsten der letzten Zeit.
"Naturlandschafenten" haben wir hier in Mitteleuropa nur ganz wenige, wie (verbliebene) Moore, das Wattenmeeer oder das Hochgebirge, die unbedingt zu erhalten sind. Genauso schützenswert simmd die von Mediterraneus mehrfach erwähnten Kulturlandschaften, die es ohne den Menschen nichrt gäbe und die erst eine neue Artenvielfaöt in Flora und Fauna ermöglicht haben - ich erwähne nur die Weinberge oder die Almen (ihr Pendant in den Mittelgebirgen, die "Schachten", sind leider weitgehend untergegagen). Ich finde hier leinen Gegensatz, sondern nur ein Miteinander ...

... und das ließe sich ergänzen durch eine lange Reihe gut überlegter und dennoch mit viel mühsamer Handarbeit betriebener Nutzungsweisen. Ich verstehe nicht, warum viele hier in diesem Faden vor-neolithische Landschaft und Kulturlandschaft als so grundsätzliche Unterschiede ansehen. Dass die Artenvielfalt sich in Mitteleuropa mit dem fest siedelnden Menschen deutlich erhöht hat, ist unbestritten. Auch dass sich das Bild der Landschaft grundlegend gewandelt hatte. Eine ganz "neue" Artenvielfalt aber ist da wohl kaum entstanden.

Zitat
...- industrielle Landwirtschaft betrachte ich nicht als Kulturgut.

Nur werden wir ohne sie heute nicht satt. Ob nicht mehr oder noch nicht, ist eine spannende Frage.
« Letzte Änderung: 21. November 2013, 07:33:44 von lerchenzorn »
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Mediterraneus

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Re:Wieviel naturnah ist menschenfern?
« Antwort #94 am: 21. November 2013, 07:54:50 »

Ich denke, es kommt auch auf die Landschaft/Region an, und wie stark der Mensch sie zu "seiner Kulturlandschaft" gemacht hat.

Wenn man die Almen betrachtet, dann ist der Eingriff dort so stark, dass sich die komplette Fauna und Flora geändert hat. Von Nadelwald zur dauersonnigen Freifläche.
Oder die Rhön, ein Mittelgebirge, das durch seine baumlosen Kuppen und dadurch vorhandene Pflanzenschätze bekannt ist. Normalerweise wäre das ein Waldmittelgebirge mit völlig anderem Erscheinungsbild gewesen, hätte der Mensch nicht abgeholzt. Nicht umsonst ist es nun "Biosphärenreservat", der waldige Spessart direkt daneben oder der angrenzende Thüringer Wald ist rein artentechnisch Wüste dagegen.

Mal ganz davon abgesehen, wieviele Arten überhaupt erst durch den Menschen "eingeschleppt" wurden. Bei den Pflanzen denke ich z.b. an sämtliche (!) Obstgehölze (von Hagebutten, Schlehen, Haselnüssen etc. mal abgesehen).
Die Römer brachten den Wein, Weinberge in Mitteleuropa wären sonst nicht vorhanden. Sei brachten Walnuss und Marone und sonst noch viel mehr. Für die Obstgehölze wurden Bestäuber benötigt, die Bienen wurden domestiziert.

Es greift eines ins andere über. Der Mensch hat viel Gutes bewirkt bei den mitteleuropäischen Landschaften, das war nicht alles die Natur allein.
« Letzte Änderung: 21. November 2013, 07:57:27 von Mediterraneus »
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Re:Wieviel naturnah ist menschenfern?
« Antwort #95 am: 21. November 2013, 07:56:18 »

Das ist in unserer Region nur teilweise zu sehen, eher selten. Zwar wird stellenweise schonender in den Baumbestand eingegriffen und es bleibt mehr Totholz liegen. Lichte Strukturen, Rohbodenanteile, wärmegetönte Bereiche aber schwinden in nahezu 100 % der Wald-/Forstflächen.

Hier ist vor ein paar Jahren der Harvester durch den Landeswald getobt und hat zerwühlte Schneisen und viel Totholz hinterlassen. Ein Forstfachmann sagte mir zu meinem damaligem Erstaunen, dass dieser „Frevel“ für die Natur nur gut ist.
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Re:Wieviel naturnah ist menschenfern?
« Antwort #96 am: 21. November 2013, 08:00:47 »

Das ist in unserer Region nur teilweise zu sehen, eher selten. Zwar wird stellenweise schonender in den Baumbestand eingegriffen und es bleibt mehr Totholz liegen. Lichte Strukturen, Rohbodenanteile, wärmegetönte Bereiche aber schwinden in nahezu 100 % der Wald-/Forstflächen.

Hier ist vor ein paar Jahren der Harvester durch den Landeswald getobt und hat zerwühlte Schneisen und viel Totholz hinterlassen. Ein Forstfachmann sagte mir zu meinem damaligem Erstaunen, dass dieser „Frevel“ für die Natur nur gut ist.

So versucht die Bayerische Staatsregierung ihre (gewinnbringende) Waldwirtschaft als naturnah zu verkaufen.
Das ist dann der Punkt, wo sich mir die Frage stellt, ob eine Kulturlandschaft auch wirtschaftlich sein muss. Früher musste sie fürs Überleben reichen, dadurch bekam sie ihr Gesicht.
Heute muss sie Gewinne abschmeißen. Ob sie so einigermaßen naturnah beibehalten werden kann?
« Letzte Änderung: 21. November 2013, 08:01:31 von Mediterraneus »
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Re:Wieviel naturnah ist menschenfern?
« Antwort #97 am: 21. November 2013, 08:04:48 »

dazu gab es mal einen Fernsehbeitrag aus der Schweiz, der von der Forschung über die Bodenverdichtung im Wald durch den Einsatz schwerer Maschinen berichtete in deren Folge es zu einer Veränderung bei den Mikroorganismen kommt. Am Ende würden klimaschädliche Gase freigesetzt.
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Staudo

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Re:Wieviel naturnah ist menschenfern?
« Antwort #98 am: 21. November 2013, 08:06:29 »

Eine Kulturlandschaft musste schon immer Gewinn abwerfen. Glaubst Du, in den vergangenen Jahrhunderten wurden für den Bau der Landsitze Fördermittel bewilligt?
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Re:Wieviel naturnah ist menschenfern?
« Antwort #99 am: 21. November 2013, 08:16:26 »

Eine Kulturlandschaft musste schon immer Gewinn abwerfen. Glaubst Du, in den vergangenen Jahrhunderten wurden für den Bau der Landsitze Fördermittel bewilligt?

Kulturlandschaft ist ja nicht nur ein Landsitz.

Das ist auch der arme Bauer gewesen, der auf seinem Handtuch Land ums Überleben gekämpft hat. Alleine deshalb hat er auch gut drauf aufgepasst.

Oder der Bauer, der seine Schweine zum Fressen in den Wald geschickt hat, der Almwirt, der im Sommer seine Rinder auf die Hochalm gebracht hat.

Der Bauer, der sein Holz zum Heizen (und Überleben) aus dem Wald geholt hat.

Der einzelne kleine Mann hat auch einen großen Beitrag an den Kulturlandschaften.


Dass es daneben noch Adel, Fürsten, Klöster gab, die für damalige Zeiten "Gewinne" machten, ist klar. Diese Gewinne wurden aber eher unter Ausbeutung von Menschen gemacht, auf sein Land und somit Besitz hat man großen Wert gelegt und es gehegt und gepflegt (auch unter Ausbeutung von Menschen).
« Letzte Änderung: 21. November 2013, 08:17:35 von Mediterraneus »
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Re:Wieviel naturnah ist menschenfern?
« Antwort #100 am: 21. November 2013, 08:20:33 »

Die wollten keine „Gewinne“ machen, sondern Gewinne. Auch der arme Kleinbauer war sicher über jeden Groschen froh, den er zusätzlich erzielen konnte. Die Möglichkeiten waren einfach anders als heute. Edler waren die Menschen nicht.
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Re:Wieviel naturnah ist menschenfern?
« Antwort #101 am: 21. November 2013, 08:28:31 »

Die wollten keine „Gewinne“ machen, sondern Gewinne. Auch der arme Kleinbauer war sicher über jeden Groschen froh, den er zusätzlich erzielen konnte. Die Möglichkeiten waren einfach anders als heute. Edler waren die Menschen nicht.

Die Erträge kamen aber direkt vom Land. Man musste das Land schonend behandeln, damit auch in Zukunft Erträge möglich sind. Man musste Landschaftspflege betreiben.

Das läuft heute leider nicht mehr so. Zuschüsse gibts, egal wie ich wirtschafte. Mit Gewalt, Hau Ruck, großen Maschinen, Mais.
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troll13

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Re:Wieviel naturnah ist menschenfern?
« Antwort #102 am: 21. November 2013, 09:01:25 »

Gerade die vorindustrielle Landwirtschaft zeigt, dass hier das Land noch wesentlich stärker ausgebeutet wurde als in der Gegenwart.

Hier in Norddeutschland war diePlaggenwirtschaft verbreitet, die bis zur Mitte des 19en Jahrhunderts ganze Landstriche veröden ließ.

Auch die historische Waldweide hat sicher nicht zur Erhöhung der Artenvielfalt beigetragen, wie historische Gerichtsprotokolle um Weiderrechtsstreitigkeiten vermuten lassen. Je größer die Bevölkerung wurde, um so mehr Vieh musste in die Wälder getrieben werden, um die Ernährung sicher zu stellen.

Die Gewinnung neuer Ackerflächen führte zudem noch zu einer verstärkten Verarmung der Natur an anderer Stelle.

Vielfältige Kulturlandschaft ist hier erst entstanden als die Almenden aufgeteilt wurden und ein kleinteiliges Nebeneinander von Acker- und Grünlandnutzung entstand. So lange diese neue Wirtschaftsweise auf einer Begrenzung des Viehbestands auf die zur Verfügung stehenden Futterflächen basierte, kann man meiner Meinung nach auch vom Landwirt als Kulturlandschaftspfleger sprechen.

Heute kann unsere Gesellschaft ihre Bevölkerung mehr als gut ernähren. Dafür ist die Bindung der Nahrungsmittelproduktion auf die vorhandene Fläche verlorengegangen und Landwirtschaft ist ein rein profitorientierter Industriezweig wie jeder andere auch, bei dem die Pflege und Erhaltung seiner Flächenressourcen nachrangig zu sein scheint.
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Re:Wieviel naturnah ist menschenfern?
« Antwort #103 am: 21. November 2013, 09:02:06 »

Die Menschen gingen damals nicht "achtsamer" mit ihrer Umwelt um als heute.

P.S. troll13 war schneller.
 
« Letzte Änderung: 21. November 2013, 09:02:51 von bristlecone »
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troll13

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Re:Wieviel naturnah ist menschenfern?
« Antwort #104 am: 21. November 2013, 09:38:23 »

Ich habe die Entwicklung der Agrarland an dem Ort, an dem ich aufgewchsen bin, seit 50 Jahren miterlebt.

Damals gab es wesentlich mehr landwirtschafliche Betriebe auf der gleichen Fläche. Also waren die Strukturen wesentlich kleinteiliger und wiesen daher auch deutlich mehr ökologisch wertvolle Randsituationen auf, an denen "Natur" eine Chance hatte, sich zu entwickeln.

Es gab neben der Ackernutzung eine Grünlandnutzung als Mähwiese und Weidewirtschaft, die ökologisch sicher unterschiedliche Voraussetzungen schaffen, und auf den Äckern wurde eine größere Bandbreite an Feldfrüchten angebaut, die durch unterschiedlich Aussaat- und Erntezeiten sowie Aufwuchshöhen und -dichten auch jeweils unterschiedliche Voraussetzungen für die Entwicklung von Flora und Fauna bieten.

Heute ist diese vielfältige Landnutzung praktisch durch eine flächendeckende "Zwei-Felder-Wirtschaft" (Mais und Tridicale) ersetzt, die auch ehemalige Grünlandflächen geschluckt hat.
Die Felder wurden zusammengelegt und werden in der Regel bis an die nunmehr versiegelten Feldwege beackert.

In Wäldern und Mooren habe ich jedoch eine entgegengesetzte Entwicklung miterlebt. Der Torfabbau wurde hier weitgehend gestoppt und ein großes wieder vernässtes Naturschutzgebiet ist entstanden. In meiner Kindheit gab es noch flächige Kahlschläge mit neu aufgeforsteten Nadelholzschonungen. Heute entdecke ich in den Wäldern, die nach und nach zu Laub- und Mischwäldern umgebaut werden, wieder standorttypische Waldvegetation auch in der Krautschicht, die in den reinen Nadelholzbeständen der Vergangenheit keine Chance hatten.
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