Re:Tulipan 2008
Verfasst: 4. Mai 2008, 17:39
Die wahre Geschichte der Tulpe(Erschienen in Garten+Haus 2008/04)Liest man in der gängigen Literatur, so war es Ghislaine de Busbecq, diplomatischer Gesandter des Wiener Hofes in Konstantinopel, der die ersten Tulpenzwiebeln zu Charles de l’Ecluse, genannt Carolus Clusius, nach Wien schickte. Clusius nahm seine Tulpenzwiebeln später nach Leiden mit und löste damit die holländische Tupenmanie aus. Glauben Sie nichts davon!Tatsächlich schickte Ghislaine de Busbecq vom Osmanischen Reich etwa 1558/9 die ersten Tulpenzwiebeln nach Wien, doch Carolus Clusius war erst 1573-1576 für den Wiener Hof tätig, danach bis 1587 in Güssing. Etwa zehn bis fünfzehn Jahre also wurden in Wien bereits Tulpen kultiviert, als Clusius hier auf sie stieß. Wir wissen aber aus seinen Aufzeichnungen, dass er Tulpen bereits kannte, als er nach Wien kam – und zwar aus Holland. Nicht nur Busbecq hatte Tulpen versandt – übrigens nicht nur nach Wien, auch nach Prag, vermutlich auch Augsburg und anderswohin – sondern auch die Türken selbst, mit denen der Handel aufblühte, sandten des Öfteren Tulpen nach Europa. Man wusste damit zunächst wenig anzufangen, doch ein flämischer Geschäftsmann pflanzte die Zwiebeln ein. In dessen Garten schildert Clusius 1562 die Pracht der Tulpenblüte. Erst in Wien konnte er sich näher mit der Pflanze beschäftigen und experimentierte mit der Samenvermehrung. 1593 zog er nach Leiden. Dort setzte er seine Experimente fort. Übrigens lebte er 1587-1593 in Frankfurt am Main – also kam die Tulpe auch nicht von Wien nach Leiden. Möglicherweise ist die besondere Aufmerksamkeit die Clusius den Tulpen schenkte mit schuld an der Tulpenmanie, doch im Wesentlichen sprechen die Blüten der Tulpen für sich. Neu in Europa?Der Name Tulpe stammt übrigens ebenfalls von Busbecq. Im osmanischen Reich war es üblich, Blumen im Turban zu tragen. Auch Tulpen. Busbecq fragte nach dem Namen des Kopfschmuckes. Turban (tülbend) war die Antwort. Busbecq hielt das für den Pflanzennamen. Und Generationen von „Fachautoren“ sahen klar, dass der Name auf die überraschend große Ähnlichkeit der Blüte mit einem Turban abziele. Die Frage ob diese Autoren in ihrem Leben noch keinen Turban oder noch keine Tulpe gesehen haben, sei der Phantasie der Leser überlassen.Übrigens wird noch etwas behauptet: Busbecq habe die ersten Tulpen nach Europa geschickt. Wer sich ein bisschen mit Botanik beschäftigt, wird vielleicht auch unsere heimische Wildtulpe, Tulipa sylvestris, die Weinberg-Tulpe, kennen. Wie passen beide Informationen zusammen? Nun, das hat zweierlei Hintergründe: Zum einen waren die Tulpen, die Busbecq aus dem Osmanischen Reich nach Wien sandte, und die derartiges Aufsehen erregten, schon lange kultivierte Gartenhybriden und keine Arten, zum anderen sind zumindest die meisten der europäischen Wildtulpen so genannte Neoendemiten – Hybriden, die aus Gärten entkommen sind und aus denen lokal eine eigene Art entstanden ist. Auf unsere weit verbreitete Weinberg-Tulpe trifft das wohl nicht zu, obwohl auch sie wahrscheinlich nur ein Kulturrelikt ist, aber vermutlich ein älteres. Allerdings ist sie eine Wildart, die verschleppt wurde, keine neu entstandene. Dennoch bleibt die Behauptung mit den ersten Tulpen Europas auch auf die Garten-Tulpe (T. gesneriana) bezogen Unsinn. Schließlich liegt Konstantinopel in Europa.Der Weg zur Garten-TulpeZunächst interessieren uns die Garten-Tulpen. Woher stammen sie? In der Türkei sind ca. 15 Arten heimisch. Welche von ihnen gab den Anstoß zur Kultur, welche war das Ausgangsmaterial der vielfältigen Züchtungen? Diese Frage ist wohl falsch gestellt, denn es wird vermutet, dass nicht einmal ein Drittel der türkischen Wildtulpen ureinheimisch ist. Die Mehrzahl der etwa 150 Arten der Gattung kommt in Zentralasien vor. Von dort wurden einige von ihnen in das Gebiet der heutigen Türkei gebracht, wo sie kultiviert wurden, teilweise verwilderten, verkreuzten (in Gärten und vielleicht auch in der Natur), wodurch immer neue Formen entstanden. Ein weiteres Problem ist, dass es nicht nur einheitliche Arten gibt, sondern auch sehr variable, was Form, Farbe und Größe betrifft. Dadurch wurden viele Arten mehrfach beschrieben.Die Garten-Tulpe jedenfalls ist ein Produkt mehrerer Arten, die vielleicht eines Tages durch genetische Methoden ermittelt werden, zunächst aber unbekannt sind. Die Heimat der Elternarten ist in Zentralasien zu vermuten.Im Osmanischen Reich liebte man Tulpen mit schmalen, spitzen Blumenblättern. Die Krönung türkischer Züchtung ist die noch immer kultivierte 'Acuminata’, eine alte Sorte, die auch als Art T. acuminata angesehen wird. In Westeuropa allerdings bevorzugte man die runden Typen, die wir heute mit der typischen Tulpe assoziieren. Triumph- und Darwin-Tulpen waren später die Krönung dieses Typs. Ein Virus führte früh zu marmorierten Blüten, die sehr begehrt waren. Die erste Papageien-Tulpe entstand um 1630. Die Tulpenmanie (1633-1637) mit ihren Auswüchsen begann. Tulpenzwiebeln zum Preis eines Hauses und der plötzliche Zusammenbruch des Marktes, dem ersten Börsencrash er Geschichte, der zum finanziellen Ruin der Tulpenfreaks führte, waren die bekannten Folgen. Das gemeine Volk konnte sich nur die Abfall-Tulpen mit spitzen Blumenblättern und anderen Makeln leisten. Aus diesen Cottage-Tulpen entstanden später die Lilienblütigen und Viridiflora-Tulpen.Neue TulpenEnde des 19. Jahrhunderts beschrieb der deutsche Sankt Petersburger Botaniker Eduard Regel etliche zentralasiatische Wildtulpenarten neu. Einige gingen in die Züchtung ein, so T. kaufmanniana und T. greigii. Anfang des 20. Jahrhunderts wurde T. fosteriana entdeckt und beschrieben. Vor allem letztere brachte neue Möglichkeiten in der Tulpenzucht. Hybriden der drei Arten untereinander führten zu den bekannten Kaufmanniana-, Greigii- und Fosterana-Hybriden. Doch die großblütige T. fosterana wurde auch mit den kleinblütigen Darwin-Tulpen gekreuzt. Daraus entstanden erst im 20. Jahrhundert, lange nach der Tulpenmanie, „die“ Tulpen schlechthin – die großblütigen Darwin-Hybriden.Andere Wildtulpen wurden kaum zu Kreuzungen verwendet. Erst seit Ende des 20. Jahrhunderts gibt es auch hier Neues. Etwa wird T. clusiana verstärkt züchterisch bearbeitet.Damen-TulpenEine ebenfalls osmanische, in Südeuropa eingebürgerte Kulturart ist die Damen-Tulpe, die Clusius zu Ehren T. clusiana genannt wurde. Die 1601 von Clusius erstmals beschriebene Art ist pentaploid, das heißt sie besitzt einen fünffachen Chromosomensatz und kann sich nicht geschlechtlich fortpflanzen. Sie stammt von zentralasiatischen Arten ab. Ihre vermutlichen Eltern sind die Gebirgspflanze T. stellata (tetraploid) und die Tieflandart T. chrysantha (diploid). Beide sind farblich sehr variabel und schwierig zu unterscheiden, weswegen sie von vielen Botanikern unter T. clusiana vereint werden.Gregor Dietrich