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Re:Was zählt alles zu Wildstauden?

Verfasst: 16. Feb 2009, 11:34
von bristlecone
Weitere Beispiele: Solidago canadensis und giganteaPrunus serotinaRobinia pseudoacaciaSyringa vulgarisPopulus x canadensis
Danke für die Beispiele. Populus x canadensis ist wie Akelei ein ich denke seltenes Beispiel dafür, dass eine einheimische Art in einer "Komplexart" aufgehen kann, weil ihr Genpool sich mit dem anderer eingeführter Arten vermischt.Wenn man das auch innerhalb einer Art vermeiden wollte, was manche befürworten, dürfte man streng genommen auch keine Pflanze auch keine Heidekraut aus Nordwestddeutschland in den Schwarzwald pflanzen, weil die Art auch dort natürlicherweise vorkommt und die Möglichkeit der genetischen Vermischung besteht.(Lassen wir mal an dieser Stelle beiseite, uns den Artbegriff näher anzuschauen).Was die Goldrute angeht: Ja, die Probleme kenne ich auch aus hiesigen Naturschutzgebieten mit Orchideenvorkommen, wo die Goldrute sich immer mehr ausbreitet. Das ist aber auch eine Folge der Pflegemaßnahmen: Die Orchideenstandorte auf diesen Magerrasen sind nur deshalb dort, weil die frühere Bewirtschaftung ihnen einen geeigneten Lebensraum bot. Es wäre möglich, mit entsprechenden Pflegekonzepten die Goldrute zurückzudrängen, aber das erfordert Zeit, Geld und Sachverstand.(Mal abgesehen von der Wildschweinproblematik, die Viecher scheinen Orchideenknollen sehr zu mögen).An anderen Orchideenstandorten verdrängt die immer weiter vordringende Schlehe alles andere, auch eine Folge der veränderten Bewirtschaftung.Bloß ist die Schlehe ja eine einheimische Pflanze. Ist sie deshalb "besser" als die eingeschleppte Goldrute? Doch wohl nicht.

Re:Was zählt alles zu Wildstauden?

Verfasst: 16. Feb 2009, 12:26
von uliginosa
Ja, (Orchideen-)Magerrasen sind Kulturlandschaft und eigentlich nur mit der klassischen Bewirtschaftung, den Bedingungen unter denen sie entstanden sind - meistens Schafbeweidung - gegen alte (Schlehen und Wacholder) und neue Feinde/Verdränger (Goldrute, Robinien usw.) erfolgreich zu verteidigen!Hier gibt es Orchideenstandorte, die totgeschützt werden, vor allen Einflüssen (Schafs- und Ziegenmäuler und -füße, Menschenfüße!) verschont werden und dann in Gebüsch- und Grasfilz untergehen.

Re:Was zählt alles zu Wildstauden?

Verfasst: 16. Feb 2009, 12:40
von pearl
das letztere ist genau das Problem. Es ist nicht die Landwirtschaft, die Flächen mit interessanten und erhaltenswerten Pflanzengesellschaften vernichtet. Alle Wiesenstandorte und auch unsere Wälder sind Sekundärbiotope und Kulturland. Die Heiden ganz ausgesprochen.Fällt die traditionelle jahrtausendelange Bewirtschaftungsweise weg, dann verändern sich diese Standorte in Richtung Wald. Der Übergangszustand ist leider in den seltensten Fällen diese Calamagrostis Digitalis und Betula Gesellschaft mit Weidenröschen, sondern heute eben Brombeeren und Japanischer Knöterich überalle. Dagegen könnten nur intensive landschaftspflegerische Maßnahmen helfen, wie das in England von dem National Trust gemacht wird. Unsere Landschaftspläne und dieser Tropfen auf den heißen Stein Ausgleichsabgaben oder -Flächen helfen kein bisschen. Leider.In dieser Hinsicht finde ich die Ansiedelung von heimischen Wildarten an den dafür pflanzensoziologisch passenden Standorten, wenn sie dort einmal verschwunden waren, für richtig. Leider ist die Möglichkeit dabei auf autochtones Saatgut zurückzugreifen sehr eingeschränkt.Sorten des Blutstorchschnabels in der Landschaft, das fände selbst ich ein Ding der Unmöglichkeit.fars Argumente sind mir sehr einleuchtend, weil Naturschutz häufig romantisiert wird und man ideologisierten Ansichten begegnet. Die ganze Sache auf ein sachliches Format zu bringen ist angesichts von Naturschutzfundies nicht immer einfach. Mein Eindruck ist, dass viele notwendige Aktivitäten unterbleiben, weil sich die Leute nicht einigen können.

Re:Was zählt alles zu Wildstauden?

Verfasst: 17. Feb 2009, 09:25
von Pimpinella
Bei uns nördlich von München gibt es die Garchinger Heide , ein schon uraltes Naturschutzgebiet, in dem mit viel Aufwand und Schafbeweidung auf einem kleinen Fleckchen die ehemalige Heidelandschaft erhalten und gepflegt wird. Man hat dort sogar ein Feldflorenreservat, in dem in mühevollster Kleinarbeit die alten Ackerunkräuter gehegt und gepflegt werden. Ist sehr interessant.Ich tät durchaus mal für den Mai oder Juni eine Führung dort organisieren, wenn's jemanden hier interessiert. Die Artenvielfalt ist stupend, und das direkt neben der Autobahn.

Re:Was zählt alles zu Wildstauden?

Verfasst: 17. Feb 2009, 09:28
von Pimpinella
Es ist nicht die Landwirtschaft, die Flächen mit interessanten und erhaltenswerten Pflanzengesellschaften vernichtet. Alle Wiesenstandorte und auch unsere Wälder sind Sekundärbiotope und Kulturland. Die Heiden ganz ausgesprochen.
Naja, so einfach ist es nicht. Die moderne Landwirtschaft mit Saatgutreinigung, hohem Düngereintrag und maschineller Bearbeitung hat doch eine ganz andere Wirkung auf eine Fläche als die mittelalterlich-frühneuzeitliche Bewirtschaftung von Hand, Pflug, Schaf und Ochse. Die Äcker hier im Norden der Stadt waren Hungerland und nur durch Beweidung einigermaßen zu nutzen (Juhu! Orchideen! Kann man nur leider nicht essen), bis man dann ordentlich düngen konnte. Jetzt wachsen da Kartoffeln und Mais und Raps, aber halt Orchideen nur noch an den geschützten Stellen.(Das ist aber hier nicht wirklich das Thema)

Re:Was zählt alles zu Wildstauden?

Verfasst: 17. Feb 2009, 09:56
von uliginosa
Es ist nicht nur die Landwirtschaft, die Flächen mit interessanten und erhaltenswerten Pflanzengesellschaften vernichtet. Alle Wiesenstandorte und auch unsere Wälder sind Sekundärbiotope und Kulturland. Die Heiden ganz ausgesprochen.
Mit dieser kleinen Änderung würde ich zustimmen. Durch die frühere Landnutzung sind Wiesen, Magerrasen, Heiden usw. entstanden, durch moderne Landwirtschaft oder durch Brachfallen verändern sie sich wieder ..., meistens werden sie artenärmer >:( In einem Vortrag letztes Jahr habe ich gehört, dass die Wiesen in den 20er oder 30er Jahren des letzten Jahrhunderts am artenreichsten waren: Bevor im großen Stil gemäht werden konnte gab es auf den Weiden nur Arten die an Beweidung angepasst waren, auf Wiesen, die gemäht werden gibt es Arten, die an die Mahd angepasst sind. Im Übergangszeitrum von ausschließlicher Beweidung zu fast ausschließlicher Mahd (inclusive Düngung) kamen beide Gruppen, mahd- und weideverträgliche vor: also der größte Reichtum an Wildstauden (um den Dreh zum Thema wieder zu bekommen)Wobei Wiesen-Wildstauden streng genommen gar nicht zu den Wildstauden gehören, da sie auf Kulturland wachsen. Also: echte Wildstauden gibt es nur im Wald, auf Mooren und an natürlich waldfreien Standorten, wie Felsen und Trockenrasen!

Re:Was zählt alles zu Wildstauden?

Verfasst: 17. Feb 2009, 13:28
von pearl
aber, aber!Das ist ja - Fundamentalismus!Wenn man bedenkt, dass unsere Wiesengräser sämtlich durch Co-Evolution entstanden sind mit weidendem Vieh und Landwirtschaft treibenden Menschen. Dann wären diese Pflanzen alles Kultivare? So gehts auch wieder nicht.Pimpinella, im Erdinger Moos ist ähnliches zu beobachten. Neulich ein Bericht in TV. Im Bereich der Startbahnen siedeln sonst verschollene oder sehr seltene Arten.

Re:Was zählt alles zu Wildstauden?

Verfasst: 17. Feb 2009, 19:51
von partisanengärtner
Also diese Waldlegende läßt die Ausrottung der Megaherbivoren durch den Menschen völlig außer acht. Wiesen gab es sehr wohl, wie die neueste Forschung zeigt. Wenn Auerochse, Wisent, Wildpferd, wenn auch nur in "Rückzüchtung für die Offenhaltung der Flächen sorgt entsteht ein ziemlich artenreiches Gefüge. Wenn dann Großraubtiere die Verteilung noch dynamisieren wird das noch interessanter.Die Ackerunkräuter sind eine völlig andere Sache.

Re:Was zählt alles zu Wildstauden?

Verfasst: 17. Feb 2009, 21:03
von pearl
hey, von welchen Zeiträumen sprichst du? Und welche neueste Forschung meinst du? Eigentlich?

Re:Was zählt alles zu Wildstauden?

Verfasst: 17. Feb 2009, 23:22
von partisanengärtner
Halt was so die letzten Jahrtausende nach der Eiszeit passiert ist. Neubesiedlung dur ch Waldbäume. Neuere Forschung über Megaherbivoren (Googlen). Niederlande haben da interessante Versuche mit Heckrindern und Koniks. Die meisten Megaherbivoren Mammut Nashörner etc. sind kurz nach dem Ende der Eiszeit völlig verschwunden und waren durch den Einfluß der einwandernden Menschen auch vorher ziemlich dezimiert.Wisent, Auerochs, Tarpan, Rothisch, Elch etc. haben lange Zeit für Auflichtungen in den Wäldern gesorgt. In Nordamerika (außer den Prärien) war das bis in die Neuzeit so. Obwohl etliche Arten durch was auch immer verschwunden sind.Die Biotoppflegemaßnahmen mit den obengenannten Arten sind heute ziemlich erfolgreich. So ist die Artenzahl durch Beweideung und unterschiedliche Düngung Kotplätze Leichen Suhlen Badeplätze etc. sehr gestiegen. Heckrinder (Elch)bevorzugen wie der Ur mehr feuchte Flächen. Das Wisent zehntet den Wald in den trockeneren Bereichen. Der "Urwald Bialowieska" in Polen sieht entsprechend licht aus (leider wird auch da Waldbewirtschaftung betrieben, zumindest war das so in den frühen 90 ern so).und wird durch Hochstaudenfluren unterbrochen. Die Wildschweine sind auch nicht zu verachten. Der Biber ist auch ein mächtiger Faktor besonders wenn er durch den Elch Verstärkung erhält. Aber da seien unsere Jäger vor. Denn das ganze funktioniert nur gut wenn Wölfe etc. für Vermeidungsverhalten im ganzen System sorgen, wie Untersuchungen in den USA, Kanada und Slovenien (irgendwo da??) da bin ich mir nicht sicher es ging da um den Einfluß von Luchs auf das Äsungsverhalten der Rehe. Als Bestandsregulierer hat er sich da aber als Niete erwiesen.http://www.abu-naturschutz.de/_dnload/einfluss.pdf Wenn man es ganz durchliest findet man die neuesten Belege für die These das selbst ohne die Eiszeitlich ausgerotteten Großtierarten die Landschaft selbst durch Auerochs, Wisent Tarpan und Biber stellenweise ziemlich offen war.

Re:Was zählt alles zu Wildstauden?

Verfasst: 17. Feb 2009, 23:38
von pearl
Biotoppflegemaßnahmen mit Mammut und Urzeitnashorn? Mensch, Meier!

Re:Was zählt alles zu Wildstauden?

Verfasst: 17. Feb 2009, 23:41
von partisanengärtner
Die Holländer beweisen das die nicht unbedingt gebraucht werden, erst mal ganz durchlesen :) Aber in den USA und Rußland gibt es solche Überlegungen. we shall see.

Re:Was zählt alles zu Wildstauden?

Verfasst: 17. Feb 2009, 23:42
von pearl
nee, im Ernst, worum geht es eigentlich? Um die These, dass es eine Co-Evolution von Gräsern und weidenden Tieren gegeben hat? Oder welche Gräser in Mitteleuropa heimisch waren?

Re:Was zählt alles zu Wildstauden?

Verfasst: 18. Feb 2009, 00:31
von lerchenzorn
Das lässt sich in dem erreichten Diskussionsstand ja nun nicht mehr trennen.@axelluther:"Wenn Auerochse, Wisent, Wildpferd, wenn auch nur in "Rückzüchtung für die Offenhaltung der Flächen sorgt entsteht ein ziemlich artenreiches Gefüge. Wenn dann Großraubtiere die Verteilung noch dynamisieren wird das noch interessanter."Volle Zustimmung. Und noch eins oben drauf: Nicht einmal alle Ackerunkräuter sind mediterranen, südöstlichen oder sonst eines fernen Ursprungs. Es gibt rein mitteleuropäische und subatlantische Arten, die heute (fast) ausschließlich im Acker leben und zeigen, welche natürliche Standortdynamik hier verloren gegangen sein muss.Eine ganze Reihe von Arten der Trockenrasen (Grasnelken, Küchenschellen nur als sparsame Beispiele) und der sehr lichten Wälder sind ebenfalls keine Einwanderer aus östlichen Steppen, sondern erreichen nach Osten hin nicht einmal den Rand der mittel-osteuropäischen Mischwaldzone.Ganz sicher war das hier ein Waldland, nur: was und wie war der Wald? Vermutlich hatte jede noch so devastierte mittelalterliche Weidelandschaft mehr Ähnlichkeit damit als das heutige Schwarz-Weiß von Wald und Offenland. Immer, wenn mir einer was von "Urwaldrelikten" erzählt - kann ich drauf wetten, dass er/sie in einem ehemaligen Hutewald gewühlt hat. Da machts dann die Kontinuität alter, hohler Einzelbäume in einem strukturell und klimatisch vielfältigen Umfeld. Jahrhundertelang unberührte Parzellen sind da offenbar nicht ganz so wichtig.

Re:Was zählt alles zu Wildstauden?

Verfasst: 18. Feb 2009, 00:38
von pearl
diese so geliebten und verehrten Eichenwälder?Alles Sekundärbiotope auf ausgelaugten Böden. Die Eisenverhüttung hat Unmengen von Buchen verbraucht.So etwa?