Die Sache mit den Fotos hatte natürlich Nachwirkungen bei mir. Jemand, der 1987 den schönsten Garten der Anlage (so sagte eine verrostete Plakette an der Gartentür) hatte, hatte den Garten von innen gesehen. Die innere Kritikerin, die mal zu Recht, mal völlig übertrieben, oft am Werk ist, war wieder lauter- da müssest du noch, du solltest, warum hast du nicht...?
Es war anstrengend im Garten geworden, die Vorstellung und Realität klafften doch an manchen Stellen sehr weit auseinander. Da es auch beruflich und privat eine durchaus herausfordernde Zeit war, haderte ich mit dem Schrebergärtchen. Vielleicht hatte ich mich / wir uns doch übernommen und schaffen das alles einfach nicht?
Der Weg vor dem Schrebergarten mit dem zu entfernenden Unkraut, der Weg hinter dem Schrebergarten mit dem zu entfernenden Unkraut, der Hartriegel, der sich überall blicken ließ, die missbilligenden Blicke des Nachbars auf den Giersch, die wiederholten netten Tipps zur Rasenpflege, Möhren, die bei der sehr netten Schrebergärtnerinnen gegenüber riesengroß und gesund wuchsen, während meine schon wieder mickerten und so groß wie mein wohl doch nicht ganz so grüner Daumen blieben, der Apfelbaum, den ich irgendwann mit Wellpappe hätte umwickeln müssen, damit der Apfelwickler nicht so wüten kann, was ich aber erst zu spät herausgefunden hatte, die wunderschönen, neu erworbenen Pfingstrosen, die nicht blühten, weil ich einen Bambusstock liegen gelassen hatte und mein Jüngster die Luft peitschte, und -im Zweifel für den Angeklagten- aus Versehen die Blüte köpfte.

Dies und die vielen anderen kleinen Dinge summierten sich zu einem schier unüberwindlichen Berg... Hach, das war anstrengend und das Herz war schwer.
Mir hilft es in diesen Fällen, die Prioritäten zu sortieren und dann abzuarbeiten, so weit wie es halt geht und der Rest ist mein "Lerngeschenk" a la "Lass die Leute reden, das ham sie immer schon gemacht..."
Tief durchatmen, ran an das Unkraut am Weg! Garten-pur bildet und hilft. Ich entdeckte die Pendelhacke durch einen Forenbeitrag. 39,90€ beim Dehner minus 10%? Gekauft!
Und auf einmal wurde die Arbeit von einer Stunde plus (dieser mistige Perfektionismus) zu einer Sache von 30 Minuten. Ich war begeistert. Als ich zu meiner neuen Gartenfreundin ging, kam ich am Garten des jungen Paares mit Kind vorbei, die auch mit den Anforderungen kämpften und jedes Jahr den Königsweg zwischen Anbauvorgaben und Freizeitbedarf suchten. In unserem ersten Jahr mit den 3 Schwestern Mais, Bohnen und Zucchini. Da die Beetfläche groß und ihr Kind klein war, gab es einen schön beschatteten Boden, auf dem oberschenkelgroße (nicht Kleidergröße 36!) Zucchinis wuchsen. In Massen. In diesem Jahr hatten sie Palettenhochbeete gebaut und versuchten damit ihr Glück. Sie waren wohl sehr schüchtern oder sehr unter Druck, denn sie hasteten immer durch die Anlage zu ihrem Garten. Ein Schwätzchen oder Hallo waren nicht wirklich drin. Ich lief also zu meiner Gartenfreundin und traf den jungen Vater beim Unkrautjäten auf dem Weg. Auch er konnte sich offensichtlich besseres vorstellen und hatte eigentlich wichtigeres zu tun.
Ich überlegte kurz, ging zurück und lieh ihm meine Pendelhacke aus. Gutes Vereinsleben beginnt immer mit einem selber und die guten Rasenpflegetipps bekommt er ganz sicher von seinem rechtsseitigen Nachbarn, dachte ich mir.
Bei der Plauschpause mit meiner neuen Gartenfreundin kamen wir auf die gute Idee, uns gegenseitig, wann immer wir uns im Garten sehen würden, die folgenden Worte zu sagen: "Wow, hier sieht es aber gut aus. Du hast richtig viel gearbeitet!".
Nach der sehr wohltuenden Pause ging es zurück in den eigenen Garten. Vorbei am jungen Mann, der sich bei mir bedankte und erfragte, wo es das Gerät gäbe und ich glaube, er kaufte es sich dann auch. (Um es genau zu wissen, müsste ich ihn beobachten, aber das liegt mir nicht so...)
Zurück zu den Aufgaben im eigenen Garten. Die Pendelhacke verringerte nicht nur die benötigte Zeit ordentlich, sondern ich konnte die Arbeit auch an die Jungs abgeben. Der mittlere trainiert die Armmuskeln und benutzt die Pendelhacke, der jüngere kehrt mit dem Laubrechen zusammen und räumt weg, beide haben sich ein Gartengetränk erarbeitet und ich kann mich anderen Dingen widmen. Win-Win.
Im Hinterkopf war ich mir immer noch nicht sicher, ob ich mich nicht übernommen hatte, aber aus wurmigen Äpfeln kann man Apfelmus machen und alles andere würde sich schon auch irgendwie fügen.